Open Source im professionellen Einsatz

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Debianopolis

Debian ist frei und seine Entwickler sind Kosmopoliten. Das Linux-Magazin berichtet regelmäßig Interna aus der Debian-Entwicklerszene und angrenzenden Projekten.

Februar 2011 – der in der November-"Debianopolis" orakelte Release-Monat für Squeeze hat sich als korrekt herausgestellt. Die Entwickler haben zeitgleich das neue Layout der Debian-Website aktiviert. Vor den verdienten Feierlichkeiten gab es für die Debianer allerdings einen Hieb aus dem Off – von Linux-Vater Linus Torvalds.

Der ist bekanntlich ein Freund klarer Worte und nicht zimperlich. Als einst die Gnome-Entwickler in Torvalds' Augen weit über das Ziel hinausschossen, den Desktop einfacher zu gestalten, bezeichnete er sie als "Interface-Nazis" [1]. Und den Entwicklern des Ext-3-Dateisystems unterstellte er ungalant "idiotische Fehler" [2]. Anlässlich der australischen Linux-Konferenz Linux.conf.au gab Torvalds nun der Website "OMGUbuntu!" ein Interview [3]. Diesmal bekam das Debian-Projekt sein Fett weg.

Ist Debian sinnlos?

Gesprächsgegenstand war die Verbreitung von Linux und der Anteil, den Ubuntu daran hat. Torvalds erklärte: Ubuntus Verdienst sei, Debian benutzbar zu machen. Denn nach seiner Meinung ist es die Aufgabe einer Linux-Distribution, ihren Benutzern das Leben zu erleichtern. Das habe Debian aber nicht geschafft. Für Torvalds ist Debian eine "pointless Exercise" – eine sinnlose Übung.

Das hat gesessen – sollte man meinen. Aber Torvalds' These fand wenig Widerhall auf den debianischen Kanälen. Weder folgten Diskussionen auf einer der Projekt-Mailinglisten, noch gab es Kommentare offizieller Projektvertreter zu Torvalds' Aussage (Abbildung 1). Dabei bietet sie genug Angriffsfläche. Ubuntu ist ohne Debian undenkbar.

Wenn Torvalds davon spricht, dass Ubuntu Debian benutzbar gemacht habe, dann muss man ergänzen, dass frühe Ubuntu-Versionen nicht viel mehr waren als geraffte Snapshots des Testing-Zweigs, getunt für den Desktop. Die "sinnlose Übung" war aber die unverzichtbare Basis der neuen Distribution. Ohne die Erfolge der ersten, Debian-nahen Versionen wäre das Projekt nie dorthin gekommen, wo es heute steht. Der Erfolg von Ubuntu ist auch der Erfolg von Debian.

Außerdem beschwört Torvalds mit seinen Aussagen einen alten Konflikt zwischen Debian und Ubuntu, der heute bei den meisten Projektmitgliedern als überwunden gilt. Anfängliche Animositäten zwischen Debian-Entwicklern und Ubuntu-Vertretern sind zwar nicht zu leugnen. Aber im Laufe der sechs Jahre von Ubuntus Bestehen haben sich viele Debianer auch für Ubuntu engagiert. Indirekt unterstützt das Ubuntu-Unternehmen Canonical durch seine angestellten Entwickler sogar Arbeit für Debian: Wer ein Paket in Ubuntu pflegt, lässt meist Veränderungen am Ubuntu-Paket auch wieder zurück ins Debian-Projekt fließen. So gewinnen sowohl Debian als auch Ubuntu.

Konstruktiv bitte!

Am Ende sind Linus Torvalds' Aussagen rein destruktiv: Konkrete Kritik an Debian fehlt darin ebenso wie genaue Angaben, was er an Ubuntu schätzt. Der Guru nutzt keine der beiden Distributionen – Debian scheidet ja offenbar aus und was Ubuntu angeht, so dürfte Torvalds wohl kaum zur Zielgruppe gehören. In einem Interview 2008 stellte der Finne klar, dass er als Kernel-Developer auf Fedora setze, weil dort das Entwickeln sehr einfach sei [4]. Torvalds muss sich die Frage gefallen lassen, ob einem Popstar der Open-Source-Bewegung substanzlose Kritik gut zu Gesicht steht. (ake)

Der Autor

Martin Gerhard Loschwitz ist Senior Technical Consultant bei Linbit und seit vielen Jahren Debian-GNU/Linux-Entwickler.

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