Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 03/2011
© kated6, 123RF.com

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Web-basierte Anwendungen

Fenster mit Macken

Besitzt der Client einen aktuellen Browser, steht ihm eine enorme Auswahl an Webanwendungen zur Verfügung. Taugt der Umzug ins Web oder Intranet als Allheilmittel? Dieser Artikel wägt die Vor- und Nachteile von Applikationen im Browserfenster ab.

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Vor- und Nachteile

+ Benötigt nur Browser

+ Ortsunabhängig

+ Zentral auf dem Server wartbar

+ Großer Fundus freier Anwendungen

- Usability-Schwächen

- Fehlende Offline-Fähigkeit

- Anwendungen für bestimmte Zwecke fehlen

- Zoo aus Einzellösungen droht

Ursprünglich nur zum Betrachten verlinkter Textseiten gedacht, hat sich der Webbrowser zu einem regelrechten Universalclient entwickelt. Beherrscht der Browser die aktuellen Versionen von HTTP(S), HTML, Javascript und CSS, verwandelt er sich je nach Bedarf in eine Suchmaschine, einen Mailclient, einen Kalender, ein Fotoalbum oder CRM-System. Was im Einzelfall an Hardware oder Betriebssystem darunterliegt, spielt praktisch keine Rolle.

Diese Vielseitigkeit führt dazu, dass viele Anwender heute einen beträchtlichen Teil des Tages Webanwendungen im Browserfenster nutzen, und das privat wie in der Firma. Unternehmensberater wie die Experton Group schreiben dem Browser eine Schlüsselrolle am Arbeitsplatz zu [1]. Google versucht mit Chrome OS sogar die komplette Benutzeroberfläche mit allen Programmen in ein Browserfenster zu verlegen (siehe Artikel in diesem Schwerpunkt).

Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über die Stärken und Schwächen von Webanwendungen (Zusammenfassung im Kasten "Vor- und Nachteile") und wagt einen Ausblick in die Zukunft.

Heiße Mail

Die Superstars der Browser-Anwendungen sind die Webmailer. Sie verfügen über enorme Anwenderzahlen, für die das E-Mail-Lesen im Browser der Normalfall ist. Darin liegt übrigens auch der Grund, warum die Mozilla Corporation ihre Ressourcen auf den Firefox-Browser konzentriert und Thunderbird in eine bescheidene Messaging-Firma ausgelagert hat. "In vielen Ländern verwenden die Leute ausschließlich Webmail, Mailclients sind ihnen fremd", erläutert die Mozilla-Chefin Mitchell Baker die Prioritäten gegenüber der Redaktion.

Ein Webmail-Account funktioniert überall dort, wo es Internet und einen Browser gibt. Das schätzen amerikanische Teenager auf Europareise genauso wie kleine Unternehmen. Ist die Verbindung SSL-gesichert, kommt der Mitarbeiter auch zu Hause oder im Außendienst an seine E-Mails und ins Web-basierte CRM-System. Eine weitaus aufwändigere Lösung mit VPN und Terminalserver-Dienst ist dafür nicht erforderlich.

Von und für Entwickler

Freie Softwareprojekte sind die Pioniere der "Arbeit 2.0" im Web. Für ihre an verteilten Standorten per Internet arbeitenden Mitglieder schufen sie reichlich Open-Source-Software. Dazu gehört beispielsweise der Bugtracker Bugzilla, den das Mozilla-Projekt ursprünglich für eigene Zwecke entwickelt hat. Wikis und Webfrontends für Versionskontrollsysteme runden das Angebot ab, freie Projekt-Plattformen wie Trac, Gforge oder Redmine integrieren die einzelnen Komponenten. So lassen sich Bugs mit der Revision einer Quelltextdatei und einem Wiki-Eintrag verknüpfen.

Kaum ein Softwareprojekt arbeitet mehr ohne diese Tools, wie Michael Prokop, Leiter der Distribution Grml, in seinem Buch "Open Source Projektmanagement" erläutert [2]. Was in der Community Standard ist, befindet sich zumindest bei Open-Source-nahen Unternehmen auch für Firmenzwecke im Einsatz. Auch Canonicals funktionsreiches Softwareportal Launchpad ist unter AGPLv3 verfügbar, die Installation gestaltet sich für Außenstehende aber ähnlich heikel wie bei früheren Bugzilla-Versionen [3].

Ähnlich wie die Entwicklerplattformen bieten Groupware-Suites Integration: Sie verbinden Kalender, Aufgabenplanung und E-Mail. Neben der Anbindung von Outlook- und Linux-Clients verfügen sie standardmäßig über Weboberflächen. Die sind dank der Ajax-Technologie, die einzelne Elemente der Seite nach Bedarf nachlädt, wesentlich bedienungsfreundlicher als reine HTML-Frontends früherer Tage. Auch Drag&Drop oder das Vergrößern und Verkleinern von Objekten per Maus, wie es die Anwender vom Desktop kennen, gehört mittlerweile zur Grundausstattung (Abbildung 1).

Abbildung 1: Fast wie bei Desktop-Anwendungen: In der Weboberfläche von Open-Xchange lassen sich Kalendereinträge mit der Maus verschieben, auch in die Länge kann sie der Anwender ziehen (hellblaue Fläche).

Ein bestehendes Usability-Problem Web-basierter Software ist allerdings das wenig komfortable Verfassen längerer Texte in Webanwendungen, mit dem sich der Kasten "Schreiben im Web" auseinandersetzt. In diesem Zusammenhang fällt noch eine weitere Schwäche der Webanwendungen auf. Wer kennt nicht die empörten Schreie der Kollegen, die einen fast vollendeten Wiki-Eintrag oder eine Mail durch einen Browserabsturz oder Verbindungsabbruch verloren haben? Was in einem Textfeld im Web steht, ist nicht besonders persistent.

Schreiben im Web

Das Schreiben längerer Texte in den Feldern von Webanwendungen macht keinen Spaß. Immerhin haben die Browserhersteller das leidige Eintippen schon ein wenig verbessert, indem sie ihrer Software eine Rechtschreibprüfung verpasst haben. Für die HTML-Inhalte in Contentmanagement-Systemen haben sich zudem eingebettete Wysiwyg-Editoren wie Ckeditor und Tiny MCE etabliert, die das Einfügen von Bildern, Tabellen und Links spürbar erleichtern.

Programmcode findet sich im Web vielerorts schön formatiert und farbig ausgezeichnet, CSS sei Dank. Doch kann man Quelltext im Web auch mit Syntax Highlighting und Eingabehilfen schreiben? Das Angebot der Mozilla Labs dafür ist Skywriter [8], ehemals Bespin genannt. Per Bookmarklet lässt sich die Software vom Mozilla-Server in jede »textarea« einer beliebigen Webseite laden (Abbildung 3), eine Version zum Einbetten in der Seite gibt es auch. Der Funktionsumfang ist mit Highlighting für die vier Formate HTML, CSS, Javascript und Diff allerdings noch rudimentär. Das Browser-Labor bezeichnet Skywriter daher noch als Alpha-Ausgabe.

Abbildung 3: Kein Vergleich zu nativen Editoren wie Emacs oder Vi: Skywriter, Mozillas Code-Editor für den Webbrowser, verfügt derzeit nur über einen rudimentären Funktionsumfang.

Eine andere Möglichkeit, Textfelder komfortabler zu beschreiben, ist die Firefox-Erweiterung Firemacs [9]. Wie der Name andeutet, richtet sich die Extension an Emacs-Freunde. Sie setzt einige Tastatur-Shortcuts des Unix-Editors in Javascript um. So kann der Anwender etwa wort- und zeilenweise löschen oder zu Anfang und Ende des Texts springen. Ein Addon namens "It's All Text" [10] geht noch weiter: Es übergibt den Formularinhalt an einen lokalen Editor, den der Benutzer nach eigenen Vorlieben auswählt. So bearbeitet er den Text in gewohnter Umgebung und die Erweiterung fügt das Ergebnis automatisch in das richtige Feld auf der Webseite ein.

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