Open Source im professionellen Einsatz

Software-Installationen

Da Chrome OS auf einem Linux-Kernel beruht, gelangen Anwender über die Tastenkombination [Strg]+[Alt]+[T] auf die Chromium-Shell Crosh, die einen eingeschränkten Satz von Kommandos anbietet. Die Eingabe von »help« listet einige Befehle auf, von denen wohl »shell« der für Entwickler wichtigste ist: Er öffnet eine Bash, die mit den gängigsten Systembefehlen aufwartet und Zugriff auf das Dateisystem und Systemtools wie »modprobe« oder »iwconfig« erlaubt.

Ein kurzer Blick auf die Prozesstabelle bestätigt die Vermutung, dass Chrome OS ein vergleichsweise ganz normales Linux mit Udev, X-Server und Cron-Daemon ist. Die für Chrome spezifischen Programme liegen hauptsächlich unter »/opt/google/chrome« .

Die Entwickler von Chromium OS borgten sich von der Gentoo-Distribution das Portage-System als Paketmanager zur Verwaltung von Software auf Betriebssystemebene [7]. Mit etwas Aufwand dürfen Anwender also mit dem Befehl »emerge« zusätzliche Programme installieren (siehe Kasten "Paketmanager"). Noch gibt es keine Anzeichen dafür, dass Google dies bei dem fertigen Produkt verhindern will. Ob es jedoch auch sinnvoll ist, den Chrome-Browser zum Beispiel gegen eine Gnome-Oberfläche zu tauschen, sei dahingestellt.

Paketmanager

Das von Gentoo entliehene Portage greift auf den so genannten Portage-Tree aus den Ebuilds zu. Diese wiederum enthalten die zur Installation notwendigen Informationen über die jeweiligen Pakete. Die Ebuilds fehlen jedoch bei den vorkompilierten Chromium-OS-Images und sind nachzuinstallieren.

Beim Einsatz eines vorkompilierten USB-Image ergeben sich zwei Probleme: Vor der Installation neuer Software muss der Nutzer das Wurzeldateisystem als beschreibbar mounten, was die Bash mit »sudo mount -o remount rw /« erledigt. Schwerer wiegt, dass das Image nur eine Partition von 2 GByte einrichtet. Dieser Platz reicht nicht aus, um zusätzlich die Ebuild-Informationen mit dem Befehl »emerge-webrsync« erstmalig zu hinterlegen. Eine zusätzliche Partition mittels »parted« einzurichten, die das erforderliche »/portage/« -Verzeichnis einbindet, scheitert leider. So bleibt erfahrenen Anwendern nur, Chromium OS selbst zu übersetzen. Dann findet »emerge --search Paket« auch zusätzliche Software, »sudo emerge Paket« installiert sie anschließend.

Anwender, die spezielle Software suchen, finden im Chrome Web Store von Google einige Programme. Dort liegen zurzeit einige Dutzend Anwendungen, darunter 3D-Modeller, Zeichenprogramme, eine Portfolio-Verwaltung, Lernsoftware und eine Reihe von Spielen (siehe Abbildung 6). Einige Anwendungen erweitern den Browser um neue Funktionen.

Abbildung 6: Im Chrome Web Store findet sich bereits eine illustre Anzahl von Anwendungen, auch jede andere Web-basierte Software lässt sich mit Chrome OS verwenden.

Grundsätzlich lassen sich unter Chrome OS alle Web-basierten Anwendungen im Browser nutzen. Der zentralen Frage, wie diese Anwendungen ihre Daten austauschen, widmet sich ein eigener Artikel in diesem Schwerpunkt. Angemeldete Entwickler dürfen selbst entwickelte Erweiterungen in den Store einstellen und auf Wunsch auch verkaufen.

Nur für Professionals?

Die Akzeptanz von Googles Desktop-Renaissance steht und fällt mit der Qualität angebotener Webapplikationen. Die Auslage im Store beeindruckt zwar durch die Umsetzung für den Browser und die Kollaborationsfunktionen, kann aber in Anzahl und Funktionsumfang gegenwärtig weder mit einem Linux-Desktop noch mit einem proprietären Betriebssystem mithalten. Wer jedoch die für seinen Abläufe notwendigen Programme findet, kann damit schon arbeiten. Für netzaffine Arbeitsplätze, die viel über E-Mail kommunizieren und einfache Dokumente verarbeiten, ist fast alles vorhanden.

Für den professionellen Einsatz sind jedoch auch Sicherheitsfragen relevant. Dokumente übertragen die meisten Google-Anwendungen geschützt mittels SSL. Ob die Daten auf den Google-Servern jedoch selbst auch verschlüsselt sind, darüber schweigt sich der Anbieter aus. Ein Blick in die Nutzungsbedingungen von etwa Google Mail legt nahe, dass das amerikanische Unternehmen hin und wieder einen Blick in die privaten Daten riskiert. Auch ist nicht zwangsläufig sichergestellt, in welchem Land die Daten lagern und welchem Zugriff welcher Gesetzgebung sie damit unterliegen. Für einige Anwenderkreise dürfte das eine Hürde für den Einsatz sein.

Umgekehrt lassen sich diesem Ansatz auch Vorteile abringen: So warnte das Bundesamt für Verfassungsschutz deutsche Unternehmen davor, Daten auf Auslandsreisen mitzunehmen, da sie dort beispielsweise in Hotelzimmern gern mal ausgespäht würden [8]. Das kann bei einem Cloud-Ansatz nicht passieren – wenn es einen ungehinderten Netzzugang gibt.

Eine autarke Nutzung ohne Netzzugang ermöglicht Googles Konzept nicht. Für oft in ländlichen Gebieten reisende Professionals wird das ein Ausschlussgrund sein, wenn sie etwa in der Bahn oder im Flugzeug arbeiten und so Funklöcher oder Tunneldurchfahrten erleben.

Für private Anwender bieten sich nur wenige Vorteile gegenüber herkömmlichen Geräten mit installiertem Officepaket. Als reines Internet-Surfgerät sind die Notebooks den meisten Anwendern wohl zu sperrig, dafür sind sie aber leichter zu warten und versprechen zunächst weniger Ärger mit Viren und Spam. Moderne Smartphones bieten für diesen Anwendungsfall bereits Ähnliches und legen noch die Sprachkommunikation obendrauf.

So stellt sich die Frage der Konvergenz der verschiedenen Betriebssystemansätze, die Google vorantreibt: Das zunächst für Smartphones vorgesehene Android nutzen immer mehr Hersteller auch für Tablets, denen viele Auguren eine wachsende Bedeutung für den beschriebenen Einsatzzweck zuschreiben.

Selbst bei Google ist man sich wohl noch nicht ganz sicher: Während CEO Schmidt Chrome als Betriebssystem für Geräte mit Tastaturen und Android als solches für Touchscreens ansieht, mahnt Gartner-Analyst Michael Gartenberg mehr Klarheit an: "Es obliegt nun Google, endlich eine Geschichte zu erzählen, die auch Sinn ergibt." Bis dahin bleibt es wohl heiter bis wolkig. (mg)

Infos

  1. Chrome-OS-Blog: http://googleblog.blogspot.com/2010/12/update-on-chrome-web-store-and-chrome.html
  2. Chromium OS:http://www.chromium.org/chromium-os
  3. Aktuelle USB-Images von Chromium OS: http://chromeos.hexxeh.net/vanilla.php
  4. Chromium-OS-USB- und VMware-Images: http://chromeos.hexxeh.net
  5. Tim Schürmann, "Bitparade: Online-Text-verarbeitungen im Vergleich": Linux-Magazin 09/10, S. 52
  6. Browser-Kompatibilitätsübersicht:http://docs.google.com/support/bin/answer.py?answer=37560
  7. Portage-System-Einführung:http://www.gentoo.org/doc/de/handbook/handbook-x86.xml?part=2&chap=1
  8. Jürgen Berke, "Verfassungsschutz rät zur Vorsicht bei China-Reisen": Wirtschaftswoche 01/11: http://wiwo.de/unternehmen-maerkte/verfassungsschutz-raet-zur-vorsicht-bei-china-reisen-452569/

Der Autor

Kay Königsmann arbeitet seit 1999 als Datenbank- und Java-Dozent, später im Projektmanagement. Seine Schwerpunkte liegen bei Debian und IT-Security. Er ist Autor zahlreicher Fernlehrgänge für die Erwachsenenbildung.

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