Open Source im professionellen Einsatz

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Facebook-Alternative im Test

Nähe zur Ferne

"Das Zeitalter der Privatsphäre ist vorbei", verkündete Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und löste damit eine Welle der Empörung aus. Vier New Yorker Studenten entwickelten daraufhin Diaspora. Ein halbes Jahr später ist es an der Zeit für einen kritischen Blick auf das freie soziale Netzwerk.

Seit Ende Oktober läuft "The Social Network" auch in hiesigen Kinos. Im Film über den kometenhaften Aufstieg von Facebook und seines Erfinders kommentiert dessen Exfreundin einen besonders bösartigen Blogeintrag mit den Worten: "Aber das Internet ist mit Tinte geschrieben, Mark, nicht mit Bleistift." Das Netz vergisst nichts, auch Facebook macht es seinen Nutzern nicht leicht, die Kontrolle über ihre Daten zu behalten.

Böse Zungen behaupten, die Privacy-Einstellungen sollten besser Publicity-Einstellungen heißen: Jede Änderung am Berechtigungssystem setzt großzügige Freigaben als Standardeinstellung der Accounts. Selbst Facebook-Nutzer, die Datenschutz großschreiben und sich mutig durch den Einrichtungsdschungel gekämpft haben, merken oft nicht, wie ihre persönlichen Daten über beliebte Spiele wie Farmville & Co. in die Hände von Firmen fallen, die mit Persönlichkeits- und Interessenprofilen handeln.

Ilse Aigner, deutsche Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, sah sich genötigt Facebook in einem öffentlichen Brief die Leviten zu lesen und ihren Account zu löschen. Eine Geste, die zugegebenermaßen schal anmutet, betrachtet man die Vorbereitung auf den Zensus 2011 [1]. Die geplante europaweite Volkszählung stellt mit ihrem Datenhunger die in den 1980ern heiß umkämpfte und später deutlich entschärfte Zählung in Deutschland noch in den Schatten und droht Verweigerern mit drastischen Geldstrafen.

Datentreck in die Diaspora

Die Datenschutzverfehlungen sozialer Netzwerke mögen damit verglichen eher harmlos sein, noch ist es nicht vorgeschrieben, dass Nutzer peinliche Fotos oder ihre Beziehungsprobleme veröffentlichen. Doch stellt sich die Frage, ob ein moderner Internetnutzer die Nachteile bestehender sozialer Netzwerke ertragen muss, wenn er Privates mit Freunden oder Verwandten austauscht.

Geht es nach Daniel Grippi, Maxwell Salzberg, Raphael Sofaer und Ilya Zhitomirskiy stehen Anwender bald nicht mehr vor diesem Problem. Die vier Studenten vom New Yorker Courant Institute of Mathematical Sciences hörten im Februar dieses Jahres einen Vortrag des Juraprofessors Eben Moglen, der zentralisierte Netzwerke als "Spionage frei Haus" bezeichnete. Ihre Konsequenz ist ein Open-Source-Webserver, mit dem ein verteiltes soziales Netzwerk als Ausweichmöglichkeit zu Facebook entsteht – Diaspora [2] war geboren.

Ende April stellten sie das Projekt auf der Fundraising-Plattform Kickstarter vor und kündigten an, mit der Arbeit zu beginnen, sobald 10000 US-Dollar eingegangen seien – in nur zwölf Tagen war das Ziel erreicht. Mehr als 200000 US-Dollar flossen noch vor der ersten Codezeile in die Kasse. Unter den Spendern: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der fand, Diaspora sei "eine coole Idee".

Der Name für das Projekt war schnell gefunden. Der Gedanke dahinter: Statt Nutzerdaten wie Fotos, Statusmeldungen und so weiter an einen zentralen Ort zu schicken, belässt das System die Daten dort, wo sie sind: ganz weit draußen in der Diaspora, auf dem Seed des Anwenders. Ein Kontrollverlust wie bei anderen sozialen Netzwerken findet nicht statt – so zumindest der Plan.

Gerecht verteilt

Statt eines zentralen Servers (Hub), den alle Nutzer gleichermaßen kontaktieren, sieht die ideale Diaspora-Welt nur einen Seed pro Host (einen so genannten Pod) vor. Die Entwickler haben sich zum Ziel gesetzt, Diaspora-Seeds auf nahezu jedem Gerät zu betreiben, und so könnten auch Smartphones oder Tablets Pod-Aufgaben übernehmen. Der Seed selbst ist ein Webserver, auf den der Nutzer (beispielsweise Bob) mit dem Webbrowser seiner Wahl zugreift. Dort sieht Bob, ähnlich wie bei Facebook, seine Timeline und damit die Nachrichten oder Fotos seiner Freunde.

Schickt Alice an Bob ein Foto vom letzten Skiurlaub, wandert es von Alices Seed direkt an Bobs Seed – derzeit nur über einen Push-Mechanismus, denn die Pull-Funktionen sind noch nicht implementiert. Den Kommentar zum Urlaubsschnappschuss von Alice schreibt Bob auf seinem Seed, der ihn wiederum zu Alices Seed schiebt. Dieser pusht den Kommentar an die Seeds weiterer Freunde, die das Foto ebenfalls erhalten haben, da sie sich in derselben Freigabegruppe befinden wie Bob.

Diasporas Peer-to-Peer-Ansatz entfernt sich auf diese Weise von dem Konzept aktueller sozialer Netzwerke und erinnert eher an die dezentrale Organisation der Blogosphäre, die eine Vielzahl einzelner Blogs mit Kommentaren, Track- und Pingbacks verknüpft. Allerdings geht die Facebook-Alternative noch einen Schritt weiter: Jeder Seed ist lediglich eine weitere Instanz derselben Anwendung, die über eine einheitliche Kommunikationsbasis verfügt.

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