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Linux-Magazin 11/2010

Linux-kompatible Multitouch-Geräte

Aus die Maus

Wer jetzt mit Multitouch unter Linux experimentieren will, für den stellt sich die Frage, was er kaufen soll. Einige Geräte bekommt man zum Laufen, für andere fehlt jede Unterstützung.

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Generell gilt: Wenn das Multitouch-Display das Windows-7-HID-Protokoll (Human-Interface-Device) unterstützt, dann geht es auch unter Linux, denn dieses Protokoll ist spezifiziert und bekannt. Führend bei der Linux-Forschung zum Thema Multitouch zeigt sich das LII-Team an der französischen Luftfahrts-Universität ENAC (École nationale de l'aviation civile), das eng mit der auf Userinterface-Design mit Multitouch spezialisierten Firma Intuilab [1] zusammenarbeitet. Das LII hat eine Liste aller Hersteller von Multitouch-Panels zusammengestellt und deren Linux-Tauglichkeit beurteilt [2].

Funktionierende Geräte

Stantum: Trotz proprietärem USB-Protokoll unterstützt der Kernel dank SDK seit Version 2.6.34 diese resisitiven Multitouch-Bildschirme. Den neuesten Treiber gibt es unter [3]. Das Tracking der Finger übernimmt die Firmware, über zehn verschiedene Finger soll die Technik erkennen - für die auch mit Stylus und Handschuhen bedienbare resistive Technik sehr ungewöhnlich. Andere Hersteller haben Stantums Multitouch lizensiert, neuere Versionen nutzen ein Windows-7-kompatibles HID-Protokoll.

3M-Microtouch: Purer Luxus mit bis zu zehn direkt vom Gerät getrackten Fingern ist das Microtouch-Display des Herstellers 3M, das es in 19- und 22-Zoll-Varianten gibt. Das HID-basierte Display unterstützt der Kernel seit 2.6.34, da der Hersteller ein SDK anbietet. Momentan bleiben sechs Finger allerdings das höchste der Gefühle, für zehn ist der Linux-Kernel noch nicht vorbereitet. Die neueste Version der Treiber findet sich unter [4].

Cypress Semiconductor: Das Truetouch-Display der von Ex-AMD-Mitarbeitern gegründeten Silicon-Valley-Firma setzt ebenfalls auf eine HID-Implementierung. Die ENAC testete bereits erfolgreich einen Linux-Treiber, der kalifornische Hersteller zertifiziert ihn gerade.

N-Trig Duosense: Das Display kommt im HP TouchSmart tx2 (12 Zoll, Abbildung 2), im Dell xt2 (12 Zoll) und im Dell Studio (17 Zoll) zum Einsatz und erkennt bis zu sechs Finger, die jedoch der Treiber selbst tracken muss. Es nutzt teilweise das Windows-7-HID-Protokoll. Für N-Trig bietet der Kernel eigentlich seit Version 2.6.31 Unterstützung. Aber dank Firmware-Problemen funktioniert das nur mit bestimmten Versionen voll. Mehr Information unter [5] und im Kasten "N-Trig unter Linux".

Quanta Optical Touch: Auch der bekannte Auftragsfertiger aus Taiwan spielt in Sachen Touchscreens mit. Seine Geräte nutzen ebenfalls das HID-Protokoll von Windows 7, der Kernel seit 2.6.34 unterstützt sie. Das auf zwei Kameras in den Ecken basierende und günstig herzustellende Optical Touch kann nur zwei Finger tracken. Verbaut ist es beispielsweise im Acer T230H/Z5610, im HP 2105tm, im Iiyama T2250MTS und im Packard Bell Viseo 200t. Der aktuelle Treiber findet sich unter [6].

Mosart: Für das unter anderem im Asus T91MT (siehe Abbildung 1), Acer Aspire 1420p, Packard Bell Butterfly Touch und Acer Aspire Timeline 1820PTZ verbaute Zwei-Finger-Multitouch-Display existiert seit Kernel 2.6.34 Linux-Unterstützung. Den neuesten Treiber gibt es unter [7].

N-Trig unter Linux

Abbildung 2: HP Touchsmart TX2 mit N-Trig-Multitouch-Display.

Für den GTK+-Artikel in diesem Schwerpunkt kam ein N-Trig-Multitouch-Display zum Einsatz. Dieses steckte in einem HP Touchsmart TX2 (Abbildung 2). wird aber auch von Dell im Latitude XT und XT2 oder im Lenovo Thinkpad T410s verbaut.

Das N-Trig ist ein Gerät, das sowohl Multitouch-Fingerbedienung als auch Singletouch-Stiftbedienung beherrscht, der Betriebsmodus lässt sich wechseln. Der Autor des Artikels hat mit dem Xi2-fähigen GTK+ getestet. Da aber nur mit bestimmten Firmware-Revisionen Multitouch voll nutzbar ist, sind N-Trig-Geräte nicht generell für Linux empfehlenswert. Laut Userberichten scheint erst ab Firmwareversion 4.2.x.x.x Multitouch unter Linux voll zu funktionieren, ab Version 4.3.x.x.x klappt dann auch das Modeswitching zwischen Stift und Touch.

Allgemein sollten alle Multitouch-Geräte, die das Multitouch-Protokoll des neuen Kernels unterstützen [9], problemlos funktionieren. Über den Evdev-Input-Treiber sind kompatible Geräte automatisch in Xorg unterstützt, dazu gehören auch die Multitouch-Trackpads in Apple-Rechnern, die über das Bcm5974-Kernelmodul funktionieren.

Cando Multi Touch: Das kapazitive Multitouch-Display des taiwanesichen Herstellers kann zwei Finger tracken und ist zum Beispiel im Acer Timeline 1825PTZ oder im Lenovo S10-3t Netbook verbaut. Auch LG und HP kaufen unter anderem Displays von Cando. Es ist weitgehend Windows-7-HID-kompatibel und läuft seit Kernel 2.6.35-rc1 auch unter Linux. Die neueste Revision des Treibers gibt es unter [8]. Cando fertigt jetzt auch für Apple I-Pad-Displays, da diese allerdings mehr als zwei Finger unterstützen ist noch unbekannt, ob auch dieses Modell unter Linux läuft.

EETI/E-Galax: Dieser Hersteller baut sowohl kapazitive (Product-ID 72xx) als auch resistive (Product-ID 48xx) Multitouch-Dipslays, die jedoch maximal zwei Finger nachverfolgen. Da sie Windows-7-HID-kompatibel sind, gibt es zumindest für die resistive Version seit Kernel 2.6.35-rc1 Linux-Unterstützung. Für die kapazitive Version, die etwa im Joojoo-Pad verbaut ist, hat es zwar einen Patch für den Treiber der resistiven Version. Aber dank des ungewöhnlichen Protokolls gibt es damit noch Probleme.

Inkompatibel

Viele Geräte funktionieren noch gar nicht. Für Sintek-basierende Displays (USB-ID: 20b3:0a18) mit maximal Zwei-Finger-Tracking entwickelt ENAC immerhin gerade einen Linux-Treiber. Der Grafiktablet-Hersteller Wacom integriert in seinen Bamboo-Touch-Geräten auch Multitouch, der Linux-Wacom-Treiber beherrscht dies jedoch noch nicht.

Für das mit infrarot arbeitende Nexio-Panel des Herstellers Inexio existiert auch noch kein Linux-Treiber. PQ Labs produziert zwei optische Multitouch-Geräte, das G2 und das G3 - bei beiden gucken Linux-Anwender in die Röhre. Auch das in einigen All-in-One-PCs wie dem HP Touchsmart, dem Dell Studio One 19 Touch und dem Sony Vaio VPC L12ME1 beziehungsweise im Dell SX2210T Touch-Monitor verbaute optische Next-Window-Panel nutzt ein proprietäres Protokoll, was Linux nicht kennt.

Infos

[1] Intuilab: [http://www.intuilab.com]

[2] ENAC LII Hardwareliste: [http://lii-enac.fr/en/projects/shareit/multitouch-devices.html]

[3] Stantum-Treiber: [http://tinyurl.com/linuxdriver-stantum]

[4] 3M-Microtouch-Treiber: [http://tinyurl.com/linuxdriver-3m]

[5] N-Trig-Firmwareliste: [http://lii-enac.fr/en/projects/shareit/ntrig.html]

[6] Quanta-Optical-Touch-Treiber: [http://tinyurl.com/linuxdriver-quanta]

[7] Mosart-Treiber: [http://tinyurl.com/linuxdriver-mosart]

[8] Cando-Multitouch-Treiber: [http://tinyurl.com/linuxdriver-cando]

[9] Linux Multitouch-Protokoll: [http://tinyurl.com/linux-multitouch-protokoll]

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