Open Source im professionellen Einsatz

Hier spielt die Musik

Die Gefahrenlage ist klar asymmetrisch: Im Büro genügen alle Geräte den geltenden Normen gegen Stromschlag, der Bürostuhl ist kippsicher, das Wasser aus der Leitung frei von Legionellen. Die Klimaanlage verhindert hochsommerliches Kreislaufversagen. Anders in der Freizeit: Freeclimbing, Rollerskaten, lawinengefährdete Skipisten, erpresserische Beduinen entführen Wüstentouristen,... Jeder, der in seinem Wohnzimmer schon einen gegelten Unfallversicherungsverkäufer sitzen hatte, kennt Beispiele reichlich. Jenseits des Büros Leib und Kohle zu behalten - der pure Zufall.

Da scheint es doch sicherer, ein Hobby am PC zu wählen. So wie der Holländer Roy van Rijn das getan hat. Im Erwerbsberuf Software-Architekt programmiert er auch in seiner Freizeit gern mit Java herum, stellt das Resultat unter eine freie Lizenz und bloggt darüber auf Redcode.nl. Was kann da schon Schlimmes passieren?!

Auf die Idee zum letzten Projekt kam Roy über den Artikel "How Shazam Works" im Internet. Der Autor Bryan Jacobs beschrieb ein Verfahren, das Interpret und Titel von einem Musikstück erkennt, sobald ein User es dem Computer 20 bis 30 Sekunden lang vorspielt. Das Shazam-Prinzip ist informationstechnisch anspruchsvoll, aber im Grunde nicht neu: Man lege sich eine Musiksammlung an, zerlege die Titel in Schnipsel, unterziehe jeden einer Frequenzanalyse, suche Peaks, erzeuge über deren Positionen einen Hash und speichere alle Hashes zusammen mit dem Interpretennamen in einer Datenbank.

Wenn ein User nun diesen Dienst nutzen will, analysiert der Client die ihm unbekannte Musik auf gleiche Weise und schickt den Hash zum Server. Der vergleicht diese auf Ähnlichkeiten mit den in der Datenbank gespeicherten und vermeldet: "Sie hören gerade: Vader Abraham - Das Lied der Schlümpfe". Musik-Identifikationsdienste wie Shazam offerieren das vor allem Handybenutzern, die in der Disco wissen wollen, was der DJ gerade aufgelegt hat.

Roy van Rijn veröffentlichte im Frühsommer einen kleinen Prototypen aus rund 120 Zeilen Java-Code und beschrieb, worauf es ihm beim Coden so ankam. Wenn die Software mal fertig ist, wollte Roy sie unter der Apache License verteilen. Dieser Tage bekam er aber Post von Darren P. Briggs, Vice President und CTO der Firma Landmark Digital Services. Die ist Anbieterin der Shazam-Software, um die sich der Artikel von Bryan Jacobs gedreht hatte. Der Landmark-Chef fordert van Rijn auf, den Code von seinem Blog zu entfernen und - man höre - auch seine verbale Beschreibung! Denn Landmark besäße US- und EU-Patente auf das Verfahren, in den USA unter den Nummern 6,990,453 und 7,627,477. Die europäische Bezeichnung vermochte Briggs zwar nicht zu nennen, drohte aber den Freizeitprogrammierer bei Weigerung mit einem Verfahren.

Der holte sich Rat bei einem Anwalt der Electronic Frontier Foundation, der einerseits ein Verfahren für möglich hält, obwohl auf einem holländischen Webserver gespeicherte Daten und Texte unmöglich gegen US-Patente verstoßen könnten. Ein zweiter Jurist, von der Organisation Bits of Freedom, vermutet, dass eine kommerzielle Verwertung von Roys Programm sehr sicher vor Gericht landen würde. Es wie geplant Open Source zu stellen, sei eine juristische Grauzone.

Roy schätzt die Verfahrenskosten in den USA auf eine bis drei Millionen US-Dollar und ist entsprechend verschreckt. Im Vergleich zu Programmieren scheinen Freizeitaktivitäten wie Rollerskaten und Skifahren doch das kleinere Risiko zu bilden. Am besten bleibt man gleich im Büro und genießt ganz asymmetrisch den sicheren Arbeitsplatz.

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