Open Source im professionellen Einsatz

Linux, WLAN, Wasser, Strom

Die Managerin kommt in Schwester Christiane durch, als sie stolz berichtet, dass es nicht bei den zwei Laptops bleiben soll. Und auch Sr. Paula, die ebenfalls im Mutterhaus in Nairobi arbeitet, berichtet: "Unsere Priorin sagte: Und was ist mit den Schwestern in Chesongoch?" Auch in der zweiten Station, im Nordwesten Kenias im Rift Valley nur 280 km von der Grenze zu Uganda, hat der Orden zwei Konventshäuser mit einer Schule und eine Krankenstation.

Also schrieb Schwester Christiane Anfang 2010 den Organisatoren von Linux4Afrika eine E-Mail und bat um Hilfe: "Wir suchen aber nicht zehn, nicht zwölf, sondern gleich 15 Computer." Die Antwort von Hans-Peter Merkel ließ nicht lange auf sich warten: "Wir können die Rechner gerne stellen, aber das Problem ist der Transport." Die Frachtkosten für die Rechner addieren sich schnell auf mehrere Hundert Euro und die Helfer sind dafür auf Geldspenden angewiesen. Mindestens genauso wichtig ist die Ausbildung der Anwender und Techniker: "Wir wissen zwar, dass die Computer in Nairobi im Einsatz sind, sie werden derzeit aber noch nicht optimal genutzt", so Merkel zum Linux-Magazin.

"Um das zu ändern, müsste jemand aus unserem Team vor Ort eine Einweisung durchführen." Bisher strecken die Helfer von Linux4Afrika die Transportkosten privat vor. Merkel und ein Kollege planen Ende August einen Besuch in Grundschulen Südafrikas, wo der WM-Gastgeber plant, komplett auf Open Source umzusteigen. Auf dem Rückweg wollen die beiden in Kenia vorbeischauen.

Die Linux-Computer sind für ein Frauenprojekt eingeplant. "Leider stehen die Frauen in der kenianischen Gesellschaft unter den Männern", berichten die Schwestern, "und das, obwohl sie am meisten arbeiten, die Kinder erziehen und die Familie versorgen. Wenn wir sie am Computer unterrichten, kennen sie sich besser aus als ihre Männer und können sich auch ums Geld kümmern." (Abbildungen 5 und 6)

Abbildung 5: Traditionsbewusste Frauen aus dem Keriotal im Festtagsgewand.

Abbildung 5: Traditionsbewusste Frauen aus dem Keriotal im Festtagsgewand.

Abbildung 6: Die Rechner sollen einem Projekt helfen, die hart arbeitenden Frauen zu stärken.

Abbildung 6: Die Rechner sollen einem Projekt helfen, die hart arbeitenden Frauen zu stärken.

Linuxola in Uganda

Neben Linux4afrika engagieren sich einige weitere Projekte auf dem schwarzen Kontinent. In einer Kooperation mit der Universität Köln implementiert der Schweizer Verein Linuxola [5] Computertechnologie an afrikanischen Hochschulen. Ziel des Projekts [6] ist es, die Qualität der Ausbildung und Forschung vor Ort durch moderne PCs zu verbessern. Der Verein beschafft Finanzmittel sowie Hard- und Software, wobei Linuxola auf Debian- und Ubuntu-Terminalserver-Systeme setzt und so vor Kurzem wieder sechs Systeme mit jeweils zehn Clients zur Verfügung stellen konnte.

Live: Ubuntu Customization Kit

Eine Live-CD mit dem "Ubuntu Customization Kit" (UCK, [7]) vermittelt den Empfängern vorab einen ersten Eindruck von Linux, KDE sowie zahlreichen Anwendungsprogrammen. Die Begeisterung ist groß: So verkündete eine Initiatorin des Projekts, Dr. Justine Magambo, Anfang 2009 stolz: "Diese E-Mail ist meine erste komplett Windows-freie Nachricht!"

Neben der Kenyatta University, der Mbarara University of Science and Technology und der Kyambogo University in Kenia und Uganda ist auch das ugandische Ministerium für Bildung und Sport an Bord. "Fast alle Wissenschaftler vor Ort wünschen sich ausdrücklich die unkomplizierteren und wartungsfreundlicheren Linux-Systeme", so Christian Rose von Linuxola.

Debian Lenny mit LTSP und Software-Raid

Ein Spendenaufruf Mitte 2009 ermöglichte es Linuxola, zahlreiche gut erhaltene TFT-Bildschirme zu organisieren (Abbildung 7). Die Server stattete das Projekt mit Debian Lenny und LTSP aus. Dazu gibt\'s einen Raid-1-Verbund und DVD-Brenner für die Backups. Eine zusätzliche Spare-Festplatte kann sowohl als Ersatz im Raid als auch als Recovery für den Neuaufbau des Rechners dienen. Als Clients kommen recycelte PCs zum Einsatz.

Im Dezember 2009 gingen die ersten vier Systeme auf die Reise per Schiff. Im Gegensatz zu den früher verwendeten, recht sperrigen Röhrenmonitoren, passte dank der geringen Abmessungen der TFTs alles auf eine Europalette. Anfang März 2010 traf die Sendung am Zielort Kampala in Uganda ein und landete, dank Dr. Magambo zollfrei importiert, in Mbarara, wo der erste Workshop mit Christian Rose stattfinden sollte.

"Mbarara liegt etwa 300 Kilometer südlich vom Flughafen Entebbe, wo mich die Administratorin Mary Naikumi abholte", berichtet Rose. "Bis auf ein paar Schrammen war die Technik gut angekommen. Der Schulungsraum hatte eine geradezu vorbildliche Infrastruktur mit Steckerleisten, USV, LAN-Anschluss und - in Afrika sehr wichtig - einer sicher absperrbaren Türe." (Abbildung 8) Auf dem Schulungsplan standen dann die Basics rund um KDE und Open Office, aber auch Grundlagen der Fehlerbehebung und -erkennung für die angehenden Linux-Administratoren.

Christian Rose zieht dementsprechend auch ein sehr positives Fazit: "Zum Abschied gab es ein typisch afrikanisches Abschiedsfest, aber nicht nur deswegen habe ich Mbarara mit dem Gefühl verlassen, dass die Leute dort die Systeme effizient nutzen können. Jetzt geht es ans nächste Projekt: Linuxola baut gerade zwei weitere Systeme für die Kenyatta University auf, die sollen bald rausgehen."

Abbildung 7: Die gespendeten Systeme mit den Platz und Strom sparenden TFT-Displays aus der Spendenaktion Ende 2009.

Abbildung 7: Die gespendeten Systeme mit den Platz und Strom sparenden TFT-Displays aus der Spendenaktion Ende 2009.

Abbildung 8: Gleich nach der Ankunft geht's los: Der gemeinsame Aufbau der Systeme machte offensichtlich allen Beteiligten viel Spaß.

Abbildung 8: Gleich nach der Ankunft geht's los: Der gemeinsame Aufbau der Systeme machte offensichtlich allen Beteiligten viel Spaß.

Seit drei Jahren herrscht in der Gegend von Chesongoch Frieden, sodass sich die Menschen langsam eine Existenz erarbeiten können. Die meisten Einwohner bauen etwas Gemüse und Früchte an. Ihre einzige Gelegenheit, Geld zu verdienen, ist, wenn Lkws in die Gegend kommen und den Bauern die Mangoernte abkaufen. "Die bekommen natürlich viel zu wenig dafür", so Schwester Christiane verärgert, "aber es gibt ja auch keinen Wettbewerb." Das soll sich mit den Linux-Rechnern ändern, so die Hoffnung. "Wenn wir über das Internet verkaufen können, vergrößert sich der Markt", hofft sie. Auch im Handel mit Ziegen und Schafen sieht sie eine Möglichkeit, die Häute brächten viel Geld. "Und Ziegen und Schafe haben die meisten, das ist eine übliche Mitgift." (mfe)

Infos

[1] Missionsschwestern in Kenia: [http://www.osb-tutzing.it/de/html/nairobi.html]

[2] UNESCO-Award: [http://www.linux-magazin.de/NEWS/Linux4afrika-erneut-von-der-UNESCO-ausgezeichnet]

[3] Linux4afrika: [http://www.linux4afrika.de]

[4] Markus Feilner, "Im Land der GNUs": Linux-Magazin 12/2007, S. 94

[5] Linuxola: [http://www.linuxola.org]

[6] Portal von Education Afrika: [http://www.education-africa.com]

[7] Ubuntu Customizing Kit:[http://uck.sourceforge.net]

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