Open Source im professionellen Einsatz

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Wieso kleiner zu sein manchmal mächtiger zu sein bedeutet

Aufs Wesentliche reduziert

Einem neuen Produkt nur Features gegenüber dem Wettbewerb hinzuzufügen, kann jeder. Das beherzte Streichen jedoch verlangt Mut von Entwicklern neuer Ideen. Vier populäre Beispiele verdeutlichen das.

 

Der klassische I-Pod, ein Wiki und die Programmiersprache C teilen sich einige Gemeinsamkeiten. Zunächst einmal fehlen ihnen Features. Viele ihrer Vergleichsprodukte in den jeweiligen Sparten weisen deutlich umfangreichere Eigenschaften und Möglichkeiten auf. Der I-Pod wies im Wesentlichen einen einzigen Knopf auf: »Play«. Stoppen, Pause, Vorspulen, Rückspulen, schnelleres Vorspulen, schnelleres Rückspulen, Anzeigen vom ID-3-Informationen auf Russisch und Konfigurieren der Bit-Sampleraten kann man damit nicht. Damit wäre ein Teil der finanzkräftigen Käuferschichten vielleicht auch überfordert.

Auch die klassische Wiki-Syntax, mit der Anwender Informationen sammeln, muss je nach Dialekt auf manches verzichten. Striktes Einhalten formaler Grammatiken, Syntaxprüfung anhand von Schemata und versionierbare Namensräume sind eher die Domäne von XML. Man stelle sich vor, die Wikipedia hätte die Extensible Markup Language als Auszeichnungsformat gewählt - vermutlich läge der Wissensstand der Enzyklopädie immer noch auf dem Niveau einer Grundschul-Projektwoche.

Der Sprache C fehlt einiges, was andere zu bieten haben: Sie ist weder funktional noch objektorientiert, kennt weder Exceptions noch Templates und bloß rund 30 Schlüsselwörter. Sie hilft dem Entwickler weder bei der Speicherverwaltung noch bei der Garbage Collection und kommt im Normalfall auch nicht in eine aufwändige IDE eingebettet daher.

Einfach einfach

Trotz dieser Makel haben der Musikplayer, das Wiki und die Sprache noch mehr gemein: Sie sind alle Erfolgsmodelle und entscheidend am Durchbruch ihrer Sparte beteiligt, obwohl es bereits mächtige Vertreter im jeweiligen Sektor gab: Erst mit dem I-Pod wurde die digitale Medienverwaltung jenseits der CD hoffähig. Die Einfachheit der Wiki-Sprache sorgte dafür, dass jeder Informationen beisteuern kann. Erst so kam Wikipedia zu mehreren Millionen Einträgen. Zum Vergleich: Encyclopædia Britannica enthält 75 000 Stichwörter [1].

Im Linux-Kernel C durch andere Sprachen zu ersetzen, ist kein ernsthaftes Thema. Zwar gab es 1992 einen Vorstoß, Teile des Quellcodes als C++ zu implementieren; aber zumindest zu der Zeit waren die Compiler nicht reif für den Schritt, sodass Torvalds und Co den Schritt schnell rückgängig machten. Seither taucht der Vorschlag alle paar Jahre immer einmal wieder auf - und die Mehrheit der Linux-Entwickler lehnt ihn ebenso regelmäßig ab [2].

Die Kunst bei der Vereinfachung besteht allerdings nicht darin, blind zu reduzieren, sondern erfordert, auf das Wesentliche zu reduzieren. Der deutsche Industriedesigner Dieter Rams [3] beschrieb das so: "Gutes Design ist so wenig Design wie möglich."

Erstaunlich, welchen Boden solche Vereinfachungen darauf aufbauenden Entwicklungen bereiten. Jahrzehntelang haben sich Geografen mit Ontologien von Strukturen, der Ordnung von Punkten, Voxeln und Polygonen befasst, bis Steve Coast 2004 Openstreetmap gründete. Die freie Karte besteht nur aus Flächen und Punkten, an denen Attribut-Wert-Paare hängen. Offenbar reicht das.

Infos

[1] Encyclopædia Britannica:[http://www.britannica.com]

[2] FAQ der Linux-Kernel Mailing List (LKML): [http://www.tux.org/lkml/#s15-3]

[3] Ausstellung zum Werk von Dieter Rams im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt: [http://www.angewandtekunst-frankfurt.de/deutsch/05_rams.html]

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