Screenshots liefern immer nur eine Momentaufnahme des Desktops, wer eine ganze Bilderfolge erstellen möchte, greift besser zu einem Screencast-Tool und filmt damit das Geschehen auf dem eigenen Rechner. Die Streifen eignen sich ideal als Anschauungs- und Lernmaterial. So erhält der Hobbyfotograf die besten Tricks zur Bildbearbeitung, Anwender lernen eine neue Software und ihre Funktionsweise kennen und Schulungsleiter erstellen Lernvideos für ihre Kursteilnehmer.
Der Funktionsumfang dieser "Fenster zur Rechnerwelt" reicht vom stummen Aufzeichnen einzelner Bildschirmausschnitte oder Fenster bis hin zum Mitschnitt des gesamten Desktopgeschehens mit zusätzlichen Audiokommentaren. Ähnlich groß ist auch die Vielfalt an Ausgabeformaten und an verwendeten Audio- und Videocodecs.
Alle hier vorgestellten Screencast-Programme haben eins gemeinsam: Sie zeichnen das Desktopgeschehen mit variabler Framerate plus Audio (Soundkartenausgabe oder Mikrofon) auf. Die Unterschiede zwischen ihnen liegen in der Benutzerführung, im Feature-Angebot und in der Performance bei hoher Systembelastung.
Während der Screencast-Aufnahme lief im Test der Dateimanager Dolphin, Firefox 3.5.9 spielte ein Flash-Video auf Youtube ab, zusätzlich werkelten der Mailclient Thunderbird, Open Office und der Chatclient Pidgin im Hintergrund. Die Composite-Effekte des Windowmanagers waren aktiv, während das Screencast-Tool aufzeichnete. Dabei sollte das jeweilige Programm nicht nur den Desktop selbst aufnehmen, sondern auch die 3-D-Effekte wie Wassertropfen, Feuerschrift und den rotierenden Desktopwürfel filmen.
Record My Desktop
Die meisten Distributionen liefern das Screencast-Tool in zwei Varianten aus: »recordmydesktop« ist die zugrunde liegende Konsolenanwendung, »gtk-recordmydesktop« der grafische Aufsatz des Python-Programms [1]. Das GUI zeigt sich puristisch, um das Aufzeichnen der Desktopaktivitäten möglichst einfach zu gestalten. Das schlanke Tool filmt wahlweise den ganzen Bildschirm, Ausschnitte aus diesem oder nur ein bestimmtes Fenster. Alternativ folgt Record My Desktop den Mausbewegungen.
In den erweiterten Video- und Audio-Einstellungen (siehe Abbildung 1) legt der Anwender fest, ob Record My Desktop schon während der Aufnahme kodiert, und macht Angaben zur Framerate und zu den Audiogeräten.
Abbildung 1: Das Feintuning von Record My Desktop nimmt der Anwender im erweiterten Konfigurationsdialog vor. Hier definiert er auf Wunsch die Framerate, das bevorzugte Audio-Device und vieles mehr.
Die Bild- und Tonqualität der Desktopfilme ist gut, auch in Verbindung mit einem Composite-Windowmanager liefert Record My Desktop ansprechende Ergebnisse. Wassertropfen- und Feuerschrift-Effekte sowie die Rotation des Desktopwürfels gibt das Screencast-Tool originalgetreu ohne Ruckeln oder andere Störungen wieder. Auch das Abspielen eines Flash-Videos im Browser hinderte im Test nicht, Record My Desktop lief fließend weiter. Der fertige Film, den das Tool ausschließlich im freien Ogg-Theora-Format ablegt, zeigt keine unerwünschten Effekte durch die hohe Systemauslastung. Das Programm fällt auch durch kurze Kodierzeiten positiv auf.
Fazit: Record My Desktop beschränkt sich auf das Wesentliche und eignet sich wegen seiner schlichten Oberfläche vor allem für Anwender, die möglichst schnell den Desktop filmen möchten, ohne lange im Handbuch zu lesen. Dafür stehen lediglich Basisfunktionen ohne Extras zur Verfügung.
Das Screencast-Programm erstellt nur ».ogv«-Dateien. Weitere Videoformate - vor allem solche mit besserer Komprimierung - wären eine Bereicherung. Auch die Möglichkeit, Kommentarboxen, Textzeilen und Pfeile ins fertige Video einzufügen, oder eine Funktion zum Nachvertonen der Filme wären schön.
Record It Now
Etwas umfangreicher, dennoch übersichtlich und kompakt, präsentiert sich Record It Now [2]. Das KDE-Frontend für Record My Desktop schließt die Lücke, die »qt-recordmydesktop« seit seinem Verschwinden aus den meisten Paketquellen hinterlassen hat. Record It Now bietet im Wesentlichen die gleichen Funktionen wie Record My Desktop, wartet aber mit ein paar Special Effects auf. Der integrierte Selbstauslöser mit variabler Vorlaufzeit bis maximal 60 Sekunden erlaubt es dem Linux-Regisseur, den Desktop vor der Aufnahme zurechtzurücken. Record It Now integriert außerdem Mencoder und Ffmpeg als Encoding-Plugins und bietet ein Uploadfeature für Videoblogs (siehe Abbildung 2).
Abbildung 2: Record It Now bietet zahlreiche Plugins an. Über das Schraubenschlüssel-Symbol nimmt der Anwender das Feintuning fürs Encoding vor.
Die Timeline begrenzt die Filmdauer. Einige vorgefertigte Szenarien sind mit an Bord. So nimmt Record It Now bei der Wahl von »Linux« eine Minute lang auf; bei Einstellung von »KDE SC« fünf Minuten. Legt der Anwender ein eigenes Timeline-Element an, ist die Höchstdauer auf 23 Minuten beschränkt.
Auch unter Last waren die Ergebnisse von Record It Now im Test gut. 3-D-Effekte und auch gleichzeitig laufende Videos nahm das Tool auf und spielte sie weitestgehend ruckelfrei und ohne größere Probleme ab. Gelegentlich tauchten im Test geringe Frameverluste bei aktiviertem Compositing-Windowmanager auf; das ist aber zu verschmerzen. Der Ton blieb stets verständlich, wenn er auch bisweilen etwas leise war. Im Programm selbst kann der Anwender die Lautstärke weder vor der Aufnahme noch nachträglich anheben, daher empfiehlt sich ein Blick in die Mixer-Einstellungen.
Alles in allem steht das Tool seinem Gnome-Vorbild in nichts nach. Web-2.0-Bewohner dürften sich außerdem darüber freuen, dass sie fertige Screencasts direkt zu Youtube oder Blip.tv hochladen und der Welt sofort präsentieren können.