Open Source im professionellen Einsatz

Haltungsschaden

 

Ein Whistleblower ist laut Wikipedia jemand, der Missstände, illegales Handeln oder allgemeine Gefahren an die Öffentlichkeit bringt. Dank Wikipedia lassen sich so die Hintergründe einer Meldung aus Australien verstehen: Beamte der Einreisebehörde konfiszierten am Flughafen von Melbourne kurzzeitig den Pass von Julian Assange, Mitgründer der Whistleblower-Website Wikileaks. Das Dokument sähe "gebraucht" aus. Auch filzten die eifrigen Staatsdiener dessen Taschen und befragten den geborenen Australier - angeblich wegen eines Hacking-Vergehens, das er 1991 als Teenager begangen hatte.

Der australische Staat reagierte damit wie eine beleidigte Leberwurst auf den Umstand, dass Wikileaks die geheime australische Blacklist veröffentlicht hat, anhand derer alle Internetprovider künftig Sites sperren sollen. Die Websperren dienen offiziell dazu - man kennt das -, um zum Beispiel Bilder von Kindesmissbrauch herauszufiltern. Gleichzeitig macht sich die Regierung der Zensur verdächtig. Nach der Veröffentlichung landete Wikileaks auch prompt auf der Aussie-Blacklist.

Das bei Journalisten beliebte Wikileaks stellt nach eingehender Prüfung auf Echtheit Dokumente ins Netz, die offizielle Stellen lieber für sich behalten wollen, zuletzt ein amerikanisches Armee-Video, das zeigt, wie ein Pilot auf irakische Kinder und einen Reporter schießt. Ein US-Militärgeheimdienst hat nachweislich schon Pläne geschmiedet, wie sich Wikileaks wohl ausschalten ließe.

Die schikanöse Behandlung von Julian Assange erinnert daran, dass Menschen, die Informationen publik machen, mit Gegenwehr zu rechnen haben. IT-Security-Experten können davon genauso ein Lied singen wie Journalisten, Angestellte oder Beamte, die den Mut haben, strafbare Machenschaften ihres Brötchengebers anzuprangern. Die plötzlich zugängliche Information zeigt hier ihren dualen Charakter: Für den Bloßgestellten ist sie eine gegen ihn gerichtete Waffe, für die Allgemeinheit dagegen wirkt sie als Korrektiv.

Auch die freie Enzyklopädie Wikipedia liegt wegen veröffentlichter Texte und Bilder öfter mit Personen oder Institutionen im Clinch. Als heikel erweist sich der jüngste Fall: Foxnews.com, das Onlineangebot eines stockkonservativen US-Nachrichtenkanals, hatte Wikipedia-Einträge mit pornografischen Fotos entdeckt.

Unter Hinweis, dass viele US-Schulen Wikipedia offiziell als Recherchemittel für Schüler empfehlen, konfrontierte Foxnews.com wichtige Spenderfirmen der Wikimedia Stiftung wie Google, Yahoo oder die Ford Foundation mit dem Material. Ironischerweise diesmal selbst vom Lichte der Öffentlichkeit betroffen und vermutlich auch wegen der irritierten Großspender löschte Wikipedia-Gründer Jimmy Wales persönlich die Porno-Inhalte. Rücksprache mit seiner Helferschar hielt er nicht.

Den deshalb verschnupften Wikipedia-Administratoren schrieb er: "Wir waren dabei, in allen Medien beschimpft zu werden, weil wir Hardcore-Pornografie hosten und nichts dagegen unternehmen. Jetzt lautet die Geschichte, dass wir aufräumen. Es tut mir leid, wenn ich dafür einigen auf die Füße treten musste." Viele Admins reagierten darauf erst recht exotherm - am Ende gab Wales seine Supervisor-Privilegien ab, was ihn künftig technisch daran hindert, Inhalte ohne Rückfragen zu löschen.

Echte Whistleblower begreifen schnell, dass ihr Handeln Gegendruck erzeugt, und lernen mit den Schmähungen, Drohungen und eingezogenen Pässen umzugehen. Wer hauptberuflich Informationen an die Öffentlichkeit bringt, braucht Rückgrat. Laut Wikipedia-Eintrag steht Rückgrat im übertragenen Sinn "für Standhaftigkeit, eine Stütze oder Stärkung". Jimmy Wales braucht orthopädische Hilfe.

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Ausgabe 07/2013

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