R-Punkt
Als wenn die Wirtschaftskrise nicht schlimm genug wäre, sorgte letztes Jahr eine Studie für manch zusätzlichen Durchhänger. Demnach erleben Partnerinnen von wohlhabenden Männern im Bett mehr Höhepunkte als die von armen Schluckern. Thomas Pollet von der niederländischen Universität Groningen und Daniel Nettle von der Newcastle University in Großbritannien hatten dahingehend die Aussagen von 1534 Frauen mit der Standard-Statistiksoftware SPSS ausgewertet.
Über das Einzelschicksal hinaus wuchs sich der Bettinfarkt zur globalen Krise aus. Ganze Nationen hatten Grund zur Besorgnis, die Griechen zum Beispiel. Die Kassen sind leer, Kredite rar, der Staatsbankrott droht – und die Nachfahrinnen Aphrodites verlernen das Hyperventilieren. Hellas am Abgrund.
Aus München dringt dieser Tage die frohe Kunde, die die Hängepartie fürs männliche Prekariat beendet: Alles Quatsch, ein Rechenfehler war Schuld! Torsten Hothorn und Esther Herberich vom Institut für Statistik an der Ludwig-Maximilians-Universität hatten sich die glücklicherweise frei verfügbaren Rohdaten der Untersuchung noch mal vorgenommen und durch die freie Statistiksoftware R gejagt. Und siehe da: Die Orgasmushäufigkeit der Frauen hängt mit ihrem Bildungsniveau, Gesundheitszustand und Alter (in dieser Reihenfolge) zusammen, aber nicht mit dem Zaster des Angetrauten.
Ökonomisch insuffiziente Paare atmen vernehmlich auf. Gleichwohl gehören die Hintergründe aufgearbeitet, der das Dogma, dass Geld nicht glücklich macht, über Monate außer Kraft setzte. Wie's ausschaut waren die Autoren der ersten Studie auf eine ungünstige Default-Einstellung der Bezahlsoftware SPSS reingefallen. Hätten sie gleich mit dem Open-Source-Paket R analysiert so wie Hothorn und Herberich, wären sie sofort draufgekommen: Nicht je reicher der Mann, sondern je klüger die Frau.
Damit wäre das Thema eigentlich durchgehechelt. Doch oh Schreck! Wo mag es solche folgenreichen Rechenfehler noch geben? Wie groß ist die (im Doppelsinn) Dunkelziffer? Was ist, wenn der jetzt arbeitslose frühere Risiko-Manager bei Lehman über Jahre das falsche Statistiktool benutzt hat? Ist die Bank am Ende deshalb Pleite gegangen? Hätte mehr R die Weltwirtschaftkrise verhindern können?
Griechenland bereiten Statistiken bekanntlich schon länger Probleme. Als die EU die griechischen Wirtschafts- und Finanzdaten nachrechneten, kam heraus, dass das Land dem Euro-Raum 2001 gar nicht hätte beitreten dürfen. Die Eckdaten, die die Enkel von Archimedes und Euklid vor dem Beitritt gemeldetet hatten, waren schlicht falsch. Hier stellt sich abermals die Frage: Wenn die griechischen Statistiker R benutzt hätten, müssten heutige Kykladen-Urlauber mit Drachmen statt Euro zahlen?
Hier, am multiplen Höhepunkt wird klar: Lehman könnte eine kerngesunde Investmentbank sein, die ganze Wirtschaftskrise wäre nie passiert, in Griechenland schiene unablässig die ökonomische Sonne und Frauen wären nie in den Verdacht geraten, sich beim Sex auf den Brieftaschen ihrer Gatten abzustützen. Freie Software (Open Source) und frei zugängliche Daten (Open Access) retten also nachweislich die Welt. (Nur so als kleine Argumentationshilfe, falls Sie jemand fragt, wozu dieses komische Linux gut sein soll.)
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