Open Source im professionellen Einsatz

© M.E., Pixelio.de

Wieso Software nicht nur kostenlos, sondern auch frei sein sollte

Erschütterter Glauben

Dreist mutet es an, wenn Hersteller von Anwendern verlangen, blind all ihren Versprechungen zu glauben, und verbieten selbst nachzuschauen und zu messen. Nur Transparenz schafft Vertrauen.

Was haben die christliche Religion, die Brigitte Frühlingsdiät und eine beschleunigte Android-VM gemeinsam? Alle fordern ihren Anhängern den festen und unerschütterlichen Glauben an die Erreichbarkeit ihrer Ziele ab. Objektives Überprüfen ist nicht vorgesehen.

Was bei mancher Religion noch als geplantes Mittel zur Erklärung des Unerklärlichen herhält, funktioniert bei Ratgeber-Zeitschriften nur bedingt: Da rät ein Magazin zu ballaststoffreicher Kost und verbietet fettes Essen, während die Konkurrenz postuliert, auch Schweinsbraten sei okay, solange ihn ein Low-Carb-Workout begleite. Irgendwie plausibel klingt jeder Vorschlag - nur objektiv, also unabhängig und reproduzierbar, lässt sich keiner prüfen.

Nun zählen Gottesbeweise und effektive Maßnahmen zum Trimmen des Körpers zugegebenmaßen zu den komplexesten und anspruchsvollsten Problemen unserer Zeit. Nicht damit zu vergleichen sind profane Fragen wie die Leistungsfähigkeit oder Durchführungsgeschwindigkeit von Software. Sie lässt sich gut messen und untersuchen. Das gilt allerdings nur für solche Programme, die sich auch unter die Haube schauen lassen.

Android-VM angeblich dreimal so schnell

Seit es App-Stores und Android-Markets gibt, freuen sich Anwender und Anbieter von nützlichen Tools, wie einfach sich diese Helfer installieren lassen. Ein Großteil davon ist sogar kostenlos. Im Hype geht die Tatsache etwas unter, dass nur ein geringer Teil von ihnen Open Source ist. Das ist ärgerlich für interessierte Anwender, die gerne ihre Lieblings-App erweitern wollen und dazu ihre Arbeitskraft anbieten. So ist es dem Bemühen einiger Entwickler zu verdanken, dass der Mailreader K-9 für Android viele Verbesserungen gegenüber dem spartanisch ausgestatten IMAP-Reader von Google kennt: Er geht besser mit Foldern um und beherrscht Batchjobs [1].

Umso merkwürdiger mutet da an, wenn Hersteller mit lautem Getöse bahnbrechende Verbesserungen ausrufen, aber den Beweis schuldig bleiben: Auf dem Mobile World Congress kündigte der Mobilapplikationsentwickler Myriad einen Ersatz für Dalvik an, der angeblich dreimal so schnell läuft wie das Original. Dalvik ist eine spezialisierte Java-VM, auf der die Android-Apps laufen [2]. Dazu liefert der Hersteller auf Youtube ein Video, bei dem sich auf zwei scheinbar gleichen Geräten ein Fortschrittsbalken einmal schneller und einmal langsamer bewegt - welch ein Beweis!

Mehrfache Anfragen zu Technik, Hintergründen oder nach einer Testlizenz beantwortete das Unternehmen gar nicht oder abschlägig: Es liefere nur an große Provider, aber veröffentliche keine Details. Da es aber über 15 Jahre Erfahrung mit Java und Linux verfüge, dürfe man sich auf die Zahlen schon verlassen.

Open-Source-Entwickler überzeugt das nicht. Sie wissen, dass sich Qualität und Erfolg von Software nur steigern, wenn sie sich immer wieder dem Wettbewerb stellt [3]. "Offenheit wird den Sieg davontragen", ist ein klares Glaubensbekenntnis, das Googles Senior Vice President im Produktmanagement, Jonathan Rosenberg, im Konzernblog abgibt. Er vermittelt Hoffnung.

Infos

[1] IMAP-Client K-9 für Android:[http://code.google.com/p/k9mail/]

[2] "Myriad brings 3x Faster Applications, Richer Game Graphics And Better Battery Life To Android": [http://www.myriadgroup.com/Media-Centre/News/]

[3] Jonathan Rosenberg, "Bedeutung von Offenheit": [http://google-produkt-kompass.blogspot.com/2010/04/die-bedeutung-von- offenheit.html]

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