Open Source im professionellen Einsatz

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Softmaker Office 2010 im Test

Büro irgendwie anders

Das proprietäre Softmaker Office 2010 will sich mit Schlankheit, übersichtlichem GUI und Duden-Korrektur einen Platz neben Open Office erobern. Die Gefahr, gegen die Rivalin baden zu gehen, scheint gegeben.

Das Synonym für den Linux-Bürodesktop heißt Open Office [1]. Obgleich das Standardprogramm mit vielen - manche sagen zu vielen - Funktionen aufwartet, restlos zufriedenstellend fällt sein Auftritt nicht aus: Anwender bemängeln die hakelige Bedienung und einen großen Ressourcenbedarf. Schmerzlich vermissen sie auch eine professionelle Rechtschreibprüfung [2]. Koffice [3] wiederum präsentiert sich auffällig mager, ignoriert (bewusst) die Vorbildfunktion des Windows-Quasistandards Microsoft Office und ärgert seine Benutzer mit gelegentlichen Instabilitäten.

Hieraus schöpft die Firma Softmaker eine Legitimation für ihre etwa 70 Euro teure Office-Suite [4], die aus Textmaker (Textverarbeitung), Planmaker (Tabellenkalkulation) und Presentations (Präsentationssoftware) besteht. Sie ist außer für Linux noch für Windows und Windows Mobile erhältlich. Mit einer Lizenz darf der Anwender die Software auf drei Rechnern nutzen, auch geschäftlich. Ob die schlankere Software die Mühen des Handbuchwälzens oder gar den Kauf neuer Hardware erspart, prüft dieser Kurztest anhand der bis 31. 3. 2010 kostenlos erhältlichen Betaversion für Linux. Der Kasten "Softmaker Office 2010" zeigt einen Steckbrief.

Softmaker Office
2010


Kategorie: Office-Suite

Hersteller: Softmaker Software GmbH,

[http://www.softmaker.de]

Preis, Lizenz: Rund 70 Euro. Die proprietäre Lizenz berechtigt, die Software auf bis zu drei Computern innerhalb einer Firma oder eines Haushalts zu verwenden oder nicht konkurrierend auf fünf PCs. Kein technischer Kopierschutz, keine Zwangsregistrierung [4].

Teilprogramme: Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationssoftware

GUI: Wesentlich weniger Funktionen als Open Office, dank Menü-Icons und weniger Untermenüs aber übersichtlicher.

Besondere Features: Viele Wörterbücher, sehr guter Docx-Import und -Export, Hilfslinien, Gitterraster, Syntax-Highlighting in der Tabellenkalkulation, optische Effekte in der Präsentationssoftware

Trend zum Wesentlichen

Die Textverarbeitung Textmaker startet auf dem vier Jahre alten Testsystem mit AMD-Athlon-3700+-CPU flott in 5 Sekunden - Open Office 3.2 unter Ubuntu 9.10 ist mit sieben Sekunden kaum langsamer. Textmaker belegt mit einem offenen leeren Dokument 19 MByte residenten Arbeitsspeicher plus 5,5 MByte Shared Memory. Open Office genehmigt sich 62 plus 47 MByte Speicher, also deutlich mehr.

Doch nach dem Laden eines 200 Seiten langen Dokuments mit vielen Grafiken kehrt sich das Verhältnis um: Open Office braucht nun 105 plus 57 MByte, Textmaker dagegen 219 plus 7 MByte. Beim Editieren des großen Dokuments sind kaum Performance-Unterschiede zwischen beiden Probanden spürbar. Abstürze traten im Test nicht auf.

Übersichtlicher als bei Open Office präsentiert sich die Textmaker-Oberfläche (Abbildungen 1a und b): Menü-Einträge sind konsequent durch Icons hervorgehoben und weniger mit Untermenüs befrachtet - was auf den geringeren Funktionsumfang hinweist, aber den Umgang im Alltag erleichtert. Der Trend zum Wesentlichen durchzieht die ganze Anwendung. Der Absatz-Format-Dialog, der die wohl wichtigsten Funktionen einer Textverarbeitung steuert, fällt in Softmaker übersichtlich aus (Abbildung 2a).

Abbildung 1a und b: Die Menüs in Softmaker Office (links) bleiben durch die eingesetzten Symbole übersichtlich und ersparen dem Anwender die zahlreichen Untermenüs aus Open Office (rechts).

Abbildung 1a und b: Die Menüs in Softmaker Office (links) bleiben durch die eingesetzten Symbole übersichtlich und ersparen dem Anwender die zahlreichen Untermenüs aus Open Office (rechts).

Open Office bietet dagegen diverse Funktionen einer Publishing-Software (Abbildung 2b). Wer sich damit auskennt, wird sie in Softmaker Office vermissen, doch die wenigsten Anwender einer Textverarbeitung sind Layout-Spezialisten. Die Formatierungsfunktionen für eine ansprechende Optik in Briefen, kleinen Broschüren oder wissenschaftlichen Arbeiten ohne mathematische Formeln sind vorhanden. Serienbriefe erstellt Textmaker natürlich auch, wenngleich nicht unterfüttert mit einer eigenständigen Datenbankanwendung, die die Adressen über Abfragen aufbereitet.

Abbildung 2a und b: Softmaker Office (links die Dialogreihe »Absatzformate«) erreicht bei Weitem nicht den Funktionsumfang von Open Office (rechts). Was irgendwie nach einer ärgerlicher Einschränkung klingt, kann aber vielen Non-Power-Usern in der Praxis Zeit und Nerven sparen.

Abbildung 2a und b: Softmaker Office (links die Dialogreihe »Absatzformate«) erreicht bei Weitem nicht den Funktionsumfang von Open Office (rechts). Was irgendwie nach einer ärgerlicher Einschränkung klingt, kann aber vielen Non-Power-Usern in der Praxis Zeit und Nerven sparen.

Die Linux-Version kennt auch keine Makros und keinen Formeleditor. Zeichenfunktionen beschränken sich auf Linien und Grundformen, eine separate Anwendung hierfür fehlt ebenso. Zwei auf den ersten Blick unscheinbares Features in Textmaker, Hilfslinien und ein Gitterraster, erleichtern das konsistente Ausrichten von Grafiken auf der Seite sehr: Wer in Open Office oder Word schon einmal 50 Grafiken exakt 5 Zentimeter vom Seitenrand entfernt platziert hat, weiß, dass er dazu 50-mal den unübersichtlichen Dialog »Position und Größe« öffnen muss - und würde wohl ebenso viele Features gegen die intuitive Platzierungshilfe aus Textmaker eintauschen.

Nicht richtig geprüft

Die in Open Office integrierte Hunspell-Rechtschreibprüfung [5] ist die beste frei verfügbare, doch das Durchkämmen der immer noch zahlreichen False Positives kostet Zeit. Softmaker dagegen liefert einen Duden mit. Leider hat der Hersteller dessen Universal- und Fremdwörterbuch nicht gut integriert. Der Benutzer kann, wie auch in den jetzt erstmals beigelegten Langenscheidt-Wörterbüchern für Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch, lediglich einzelne Wörter nachschlagen. Die Volltext-Rechtschreibprüfung fällt gar schlechter aus als Hunspell, womit ein vermuteter Vorteil gegenüber Open Office perdu ist.

Als wichtige Anforderung an Nicht-Microsoft-Office-Programme ist der Datei-Im- und Export in Richtung Mainstream, insbesondere Docx [6]. Das XML-Format neuerer Microsoft-Office-Versionen ist in der freien Softwarewelt reichlich unbeliebt und wird schon deshalb stiefmütterlich behandelt. Open Office 3 enthält einen Importfilter, speichert aber nicht in diesem Format. Ein nachinstallierter Translator ([7], [8]) behebt zwar den Mangel, versagt aber bei komplizierteren Dateien häufig, wie einige Tests anlässlich dieses Artikels ergaben.

Hier sammelt die Textmaker-Textverarbeitung ordentlich Pluspunkte. Sie lässt sich gut parallel zu Microsoft Word einsetzen, da sie dessen Docx-Dateien sowohl liest als auch schreibt. Noch wichtiger ist, dass Textmaker beim Import das meiste erhält: Textformatierungen, Tabellen und Grafiken überstehen den Import fast immer unbeschadet, nicht jedoch Textverweise und Inhaltsverzeichnisse. Textmaker kennt auch das freie ODT-Format von Open Office, der PDF-Export arbeitet tadellos.

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