Open Source im professionellen Einsatz

Stier bei den Hörnern

 

Entführung in Tateinheit mit Missbrauch - anders lässt sich der Fall Z. kaum bewerten. Zum Hergang: Seiner argwöhnischen Gattin wegen vermummte sich der Angeklagte Z. am Tattag. Einen seiner Angestellten, den Mitangeklagten H., überredete er, eine Schar Individuen in die Nähe der späteren Geschädigten E. zu treiben, die sich gerade am Strand aufhielt. Im Schutze der Menge näherte sich Z. der E. unbemerkt, bemächtigte sich ihrer und entführte sie über das Meer auf die Insel Kreta. Dort angekommen, verging sich Z. offenbar an der Geschädigten E. und zeugte mir ihr Minos, Rhadamanthys und Sarpedon. Den drei Kindern blieb ein Auftritt vor Gericht erspart, weil der Fall gut durchermittelt ist.

Kenner der griechischen Mythologie wissen längst, dass hier keine Reportergeschichte von der dunklen Seite der spätbürgerlichen Gesellschaft zu lesen war, sondern die Sage vom verliebten Zeus in Gestalt eines weißen Stiers, der mit Hilfe von Hermes die Tochter des phönizischen Königs Agenor entführte. Die hieß Europa und nach einer Verheißung der Aphrodite bald ein ganzer Kontinent auch.

Was, so fragt sich, kann man von einem Europa erwarten, dessen Geschichte so beginnt? Richten wir den Scheinwerfer auf eine im Vergleich zum liebestollen Zeus staubtrockene Geschichte: Das Europäische Rahmenprogramm zur Interoperabilität. Der erste Entwurf erschien 2004 und beschreibt die "Interoperable Erbringung europaweiter elektronischer Behördendienste für öffentliche Verwaltungen, Unternehmen und Bürger".

Der EIF I sieht offene Standards als Schlüssel zur Interoperabilität in EU-weiten E-Government-Diensten. Das Dokument definiert offene Standards als Standards, die eine gemeinnützige Organisation beschließt, die jedermann offen zugänglich sind, und deren Entwicklung auf einer offenen Konsens- oder Mehrheitsentscheidung fußt. Auch sollte es keine Einschränkungen bezüglich der Wiederverwendung des Standards geben.

Entwickler freier Software waren damals recht zufrieden mit dem Entwurf, weil er ihnen diskrimierungsfrei den Zugang zu diesem Softwaresegment ermöglicht hätte. Ganz anders die Anbieter proprietärer Lösungen, die ihre auf Abschottung fußenden Geschäfte gefährdet sahen. Deren Lobbyverband Business Software Alliance (BSA) und andere Interessenvertretungen reagierten verschnupft und präsentierten eigene Positionspapiere.

Damit haben es die Gegner offenbar nicht bewenden lassen. Vor kurzem tauchte ein zweiter Entwurf des Rahmenprogramms auf, der statt echter Offenheit lediglich ein so genanntes Offenheitskontinuum propagiert, das auch proprietäre Spezifikationen zulässt. Das eröffnet die Möglichkeit, Interoperabilität durch Homogenität herzustellen - vulgo: Wenn alle MS-Sowieso oder Adobe Nochsowas benutzen, funktioniert der Datenaustausch.

Die Free Software Foundation Europe und andere Kritiker analysieren, dass EIF II praktisch einzig auf dem Beitrag der BSA beruhe und andere Meinungen von Unternehmen, Gruppen und Einzelpersonen zugunsten offener Standards und freier Software ignoriere. Das kursierende EIF-II-Papier bezeichnete ein Pressesprecher der Europäischen Kommission zwar als nicht-offizielles Dokument. Gleichwohl diskutierten Kommission und Vertreter der EU-Mitgliedsstaaten am 12. November darüber in Brüssel.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier vermummte Lobbyisten ein anstehendes EU-Gesetz entführen und triebhaft missbrauchen wollen. Welcher Hermes dabei den Mittäter gibt, wird sich vielleicht im Verlauf der Verhandlungen herausstellen. Zeus' antike Untat ist heute verjährt und die schöne Europa wurde noch Königin von Kreta. Die EIF-Sache läuft gerade und kann für Europa weniger glimpflich ausgehen - hoffentlich ist eine misstrauische Hera nicht die einzige Gegnerin.

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Ausgabe 07/2013

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