Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 02/2010

Fränkische Uni besetzt Professur für freie Software

Dunkle Wolken

Warum Red Hat und Novell die wohl weltweit erste Professur für Open Source finanzieren und was Professor Dirk Riehle in den nächsten Jahren vorhat: Das Linux-Magazin trägt Stimmen und Fakten zusammen.

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Fünf der letzten 13 Jahre hat er bei den monetären Franken verbracht, bei den Bank-Informatikern der UBS in der Schweiz. Dann zog ihn SAP ins Silicon Valley, wo er als Leiter einer Forschungsgruppe der Walldorfer für Free Software Research zuständig war. Seit dem Wintersemester ist Dirk Riehle zurück in Deutschland, um im Schatten der Nürnberger Burg Open Source zu lehren.

Die "garantiert erste OSS-Professur" an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen- Nürnberg (FAU, [1]) möchte er "unabhängig" und "interdisziplinär gestalten", er verspricht vielschichtige Forschung, die "sowohl für Industrie als auch Entwickler von Interesse" sein soll. Unterstützung findet er bei Red Hat und Novell/ Suse, und wie immer, wenn im Frankenland die Worte Business und Linux fallen, ist auch die Open Source Business Foundation (OSBF) um Richard Seibt nicht weit. Red Hat und Novell zahlen je eine halbe Doktorandenstelle, eine ganze ist mit 70 000 Euro pro Jahr dotiert.

Seine Unabhängigkeit sieht Riehle davon aber nicht beeinträchtigt: "Da läuft ja kein Mitarbeiter herum, der den halben Tag einen roten Hut aufhat und danach ein grünes T-Shirt überziehen muss." Überhaupt ist er hauptsächlich "deshalb zurück nach Deutschland, weil hier eine freiere und nachhaltigere Entwicklung und Forschung möglich ist als in Amerika". Dort müssten Projektgruppen schon mal alles stehen und liegen lassen, wenn die Förderung ausläuft, während in Deutschland Professoren noch verbeamtet werden.

Sponsoring

Dass Firmen wie Red Hat das sponsern, erklärt Linux-Evangelist Jan Wildeboer auf einer Veranstaltung bei der OSBF (Abbildung 1) so: "In den USA haben wir bei Red Hat jedes Jahr 50 bis 100 Praktikanten, in Deutschland dagegen noch sehr wenige. Der Return-on-Investment ist bei freier Software schwer zu fassen, aber die Softwarebranche macht traditionell viel aus dem Bauchgefühl heraus. Genau deshalb braucht das Open-Source- Modell endlich einen wissenschaftlichen Hintergrund." Dirk Riehle scheint keiner für laute Töne, sachlich spricht er vom "exponentiellen Wachstum der Anzahl der Open-Source- Projekte", davon, dass "Open Source mittlerweile überall ist", "die Forschung vielschichtiger wird" und davon, dass der Allmende-Gedanke, das Allgemeinwohl im Hintergrund, auch für viele OSS-Geschäftsmodelle immer wichtiger würde. "Das ist heute auch Konzernen wie SAP sehr wohl bewusst", verweist er auf seine Erfahrungen in Kalifornien. "Aus unseren Forschungsarbeiten ist deutlich ein Trend zu beobachten: Bei Lösungen, die auf offene Standards und Open-Source-Methoden setzen, erhöht sich die Erfolgsquote von Großprojekten im Vergleich zu traditionellen Methoden deutlich." Und erwartungsgemäß sieht er sich als Schnittstelle zwischen Forschung und Wirtschaft: "Wir wollen zusammen mit Partnern aus der Industrie die Entwicklung von Open Source in Deutschland begleiten und fördern."

Inhalte

Dafür will er sein Team auf die Verbesserung von OSS-Development-Tools und -Prozessen ansetzen, Geschäftsmodelle analysieren und konsortiale Entwicklungen erforschen. "Wie funktionieren kommerzielle Open-Source-Start-ups? Welche rationalen Investitionsmodelle brauchen Konzerne oder Behörden, um in freie Software zu investieren?" Open Source als Go-to-Market-Strategie hat seiner Beobachtung nach mehrere Vorteile, die zusammengenommen traditionelle Wettbewerber regelrecht im Staub stehen lassen. "Deswegen finden Sie bei neuen Märkten fast nur noch Open Source", erklärt er dem Linux-Magazin. OSS-Firmen hätten sehr viel geringere Kosten bei gleichem Kundenwert. "Es wird bei äquivalenten Produkten sehr schwer für einen Closed-Source-Wettbewerber, mit einem OSS-Anbieter mitzuhalten. Und von Benutzerinnovationen profitieren OSS-Firmen viel mehr als traditionelle Bewerber."

Die Idee zu der Professur geht zurück auf eine Initiative der Universität, die PR-Macher sprechen blumig von einer "einmaligen Vorgehensweise à la Silicon Valley", einer "Win-Win-Situation für Unternehmen und die Universität". Abseits von Idealisten könne wohl auch kein Linuxer mehr leugnen, dass OSS immer auch ein Businessmodell ist, das vielerorts höheren Nutzen bringt als gängige Entwicklungsmethoden. "Egal ob Cloud Computing, Collaboration, Groupware oder komplexe Verkehrsleitsysteme, ganze Konzerne argumentieren mit der höheren Sicherheit von OSS-Werkzeugen", erklärt Richard Seibt von der OSBF.

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