Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 02/2010
© godfer, Fotolia.com

© godfer, Fotolia.com

To Blade or not to Blade - Systemverantwortliche aus der Praxis sind sich uneins

Deutungshoheit

Viele der Argumente pro und kontra Blades sind schnell einzusehen: Kompakte Bauweise, effizienter Energieverbrauch und einfaches Management reklamieren die Befürworter für sich, während Skeptiker Zweifel wegen Hitzeballungen und Vendor-Lock-ins hegen. Ein Tauziehen.

825

In einem sind sich alle einig: Ob Blades zum Einsatz kommen sollten oder nicht, hängt vor allem vom Anwendungsszenario, den Anforderungen und Wünschen der Betreiber ab. Und die sind nun einmal so unterschiedlich wie ihre Anwender. Das Linux-Magazin hat sich unter Systemadministratoren und IT-Leitern umgehört, wie sie zu dem Thema stehen.

Flexibel für Anwälte

Das norddeutsche Systemhaus Quintalog betreut vornehmlich Rechtsanwälte und Steuerberater, die Anwendungen wie beispielsweise Datev betreiben. Diese Kunden betreut Quintalog so, dass das Unternehmen die Anwender schult, Testumgebungen aufsetzt und Entwicklungsumgebungen bereitstellt. Am wichtigsten jedoch ist das Angebot, im Falle eines Problems mit den Kundenmaschinen Ausweichsysteme anzubieten, beschreibt Quintalog-Geschäftsführer Mark Bröcker (Abbildung 1): "Und dazu setzen wir insgesamt sieben Bladecenter an zwei Standorten ein."

Abbildung 1: Mark Bröcker ist Geschäftsführer der Quintalog Systemhaus GmbH. Wechselnde Anforderungen seiner Kunden – Rechtsanwälte und Steuerberater – haben ihn zum Befürworter von Blades gemacht: „Wir schätzen ihre Flexibilität.“

Flexibilität ist oberstes Gebot, denn neben Linux-Distributionen von Red Hat, Suse, Debian und Ubuntu kommen auch proprietäre Betriebssysteme zum Einsatz. Zudem setzt das Systemhaus sowohl auf Intel- als auch AMD- und Power-CPUs. Eine Virtualiserungssoftware kommt in einigen Fällen noch obendrauf. Bröcker erklärt: "Wir bemühen uns, nicht alles 24/7 laufen zu lassen, sondern haben die Daten weitestgehend auf einem SAN-Storage konsolidiert und schalten dann bedarfsgerecht die einzelnen Blades ein."

Die einfache Wartung war der Hauptgrund für die Entscheidung, erinnert sich Bröcker: "Die Zugang per KVM sowie das Ein- und Ausschalten sind einheitlich gelöst. Der Kabelverhau hinter den Systemen ist erheblich reduziert. Via VPN können sich unsere Mitarbeiter ihre Arbeitsumgebung nach Bedarf selbst einschalten und auch teilweise selbst warten. Wir nehmen gerne mit, dass die Systeme von sich aus redundant ausgelegt sind." Quintalog attestiert den Lüftern, Netzteilen, dem SAN und dem Netzwerk insgesamt eine höhere Verfügbarkeit. Die Energiekosten sind für das Unternehmen nicht ganz so relevant, da nur ein kleiner Teil rund um die Uhr läuft. Platz spielt eine größere Rolle, da an jedem der zwei Standorte nur maximal vier Racks untergebracht werden können.

Bröcker sieht das Thema aber auch differenziert: "Blades lohnen sich erst ab einer gewissen Größe. Gerade wer anfangs nur wenige Server braucht, scheut die hohen Kosten besonders der I/O-Module. Die sind einfach erheblich teurer. Zwar bieten viele Hersteller hohe Bandbreiten bis in den Enterprise-Bereich hinein. Kleinkram hingegen wie USB-Modems oder ISDN-Schnittstellen, die einige Bankanwendungen zwingend benötigen, sind oft ein leidiges Thema", seufzt der Informatiker. Trotz aller Emulationsschichten setzen daher viele Kunden weiterhin einen Legacy-Server ein.

Im Hamburger Untergrund

Ein ganz anderes Einsatzgebiet haben die 793 Blades im Untergeschoss des Deutschen Elektronen-Synchrotrons (DESY) in Hamburg (Abbildung 2) sowie 360 weitere am zweiten Standort Zeuthen bei Berlin. Im größten deutschen Teilchenbeschleuniger erledigen die flachen Rechner meist wissenschaftliche Berechnungen, aber zu rund zehn Prozent auch klassische Aufgaben wie E-Mail und einige Datenbanken. Die mehr als 80 Chassis unterschiedlicher Ausstattung aus Dells M-Serie und HPs Proliant-Linie betreibt das DESY bereits seit bis zu sechs Jahren. Je nach Einsatzzweck sind meist zwei Quadcore-CPUs und 24 oder 48 GByte Hauptspeicher pro Blade in Betrieb. Auf den meisten Knoten läuft Scientific Linux 5, ein RHEL-Derivat.

Abbildung 2: Unter dem Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) in Hamburg verrichten knapp 800 Blades ihren Dienst, um Petabyte-weise Daten der Forschungsprojekte Petra und des LHC zu bearbeiten. Um nicht bald wieder umziehen zu müssen, setzt die IT-Abteilung auf Energieeffizienz und hohe Packungsdichte.

Dr. Knut Woller, stellvertretender IT-Leiter des DESY (Abbildung 3), plant langfristig, da manche Forschungsaufgaben Jahre bis zu ihren Ergebnissen benötigen. Da das Institut kontinuierlich neue Systeme zukauft, schätzt er das skalierbare Management, um mit den wachsenden Datenmengen Schritt zu halten.

Abbildung 3: Knut Woller ist stellvertretender IT-Leiter am DESY: „CPU-Dichte, Management und Energiekosten sprechen für Blades.“

Ein weiterer Faktor ist der Platzbedarf, denn eines der Rechenzentren ist erst 2005 in neue Räume gezogen. "Wir haben Platz für 1500 Höheneinheiten und eine Strom- und Klimaleistung von 500 Kilowatt. Darum sind Platzbedarf und Energieverbrauch pro Server für uns wichtig, wenn wir nicht schon wieder umziehen wollen", gibt Knut Woller Auskunft über die Ziele der Hardwarestrategie.

Bei den Stückzahlen spielt aber auch der Preis eine wichtige Rolle: "Bei der von uns eingesetzten Größenordnung kommen wir nach unserer Vollkostenrechnung auf ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis", sagt Woller. Er schätzt die hohe Energieeffizienz und die rund 60 Prozent höhere Dichte als bei klassischen Servern in 1U-Racks. Zwar seien diese Rechner trotz der Großabnehmerkonditionen und europaweiter Ausschreibung für Blades günstiger als diese, aber die Mehrkosten holt Woller durch geringere Material- und Betriebskosten wieder rein.

Die Systeme im DESY verarbeiten pro Jahr rund 2 PByte Daten. Daher sind die Blades mit vielen I/O-Schnittstellen von I-SCSI über Fibre Channel bis hin zu Infiniband ausgerüstet, denn das DESY ist ein Knoten des Grid vom Large Hadron Collider (LHC) in Genf.

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 3 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

Linux-Magazin kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • HP verpackt SAN im Blade-Format

    Hewlett Packard hat seine Produktreihe Storageworks P4000 mit den neuen Bladesystem P4800 um ein Blade-SAN erweitert.

  • Kostenloses Lesefutter: Linux-Magazin 02/2010 erklärt Blade-Server

    Mit Erscheinen der Linux-Magazin-Ausgabe 01/2011 ist das Linux-Magazin 02/2010 "Große Serverwahl. Wann Blade- und wann Rackserver besser sind" in den frei zugänglichen Bereich von Linux-Magazin Online gerückt.

  • Zwei Quadcore- und ein Storage-Blade von Sun

    Sun Microsystems hat drei neue Server für Linux auf den Markt geworfen: Ein Storagemodul für 1,2 TByte, ein Blademodul mit zwei AMD-Opteron-Quadcores und ein Bladeserver mit zwei Intel-Xeon-Quadcores. Eine Galerie zeigt sie aus der Nähe.

  • In eigener Sache: Webserver, Fileserver, Bladeserver - das große Server-Bundle ist da

    Das große Serverbundle fasst drei Schwerpunkte der Admin-Welt unter einem Dach zusammen und wird so zum vielseitigen Kompaktkurs für Anwender im Rechenzentrum. Zu jeder Themeneinheit gehört eine komplette Titelstrecke aus dem Linux-Magazin, die das Thema von mehreren Seiten angeht. Dazu hat die Redaktion zwei Bonusartikel gelegt, die in den Quelldateien nicht enthalten sind.

  • Gekreuzte Klingen

    Blade-Server sind die Bastion der Hardware-Ritter von IBM, HP, Sun, Intel, Fujitsu und Dell. Im Gegensatz zum restlichen Markt lassen sich hier noch Dukaten verdienen. Das Linux-Magazin hat sich in einen Schaukampf je ein Modell der wichtigsten Produzenten vorgenommen.

comments powered by Disqus

Stellenmarkt

Artikelserien und interessante Workshops aus dem Magazin können Sie hier als Bundle erwerben.