Open Source im professionellen Einsatz

Ist doch Lego

"Nerds sind Menschen, die wissen wollen, wie Dinge funktionieren. Sie benutzen Schraubenzieher und sehr große Lupen. Sie zerlegen Radios und Computer und bauen sie dann wieder zusammen. Allerdings kann der Computer dann Kaffee kochen, und das Radio sucht nach Signalen außerirdischen Lebens", schreibt Sachbuch-Bestsellerautor Frank Schirrmacher Ende September in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ und so etwas wie der Thilo Sarrazin des Feuilletons, beklagt die publizistische Ausgrenzung des Kulturphänomens Computernerd: "Wir haben es entweder alle übersehen oder nicht ernst genommen, auch deshalb, weil Coolheitsgesichtspunkte einer Pop-Ökonomie dagegen sprachen." Aufmerksame Zeitungsleser werden sicher zustimmen.

Unter Hinweis auf die beiden Legostein-vernarrten Google-Gründer oder den Jules-Verne- und "Star Wars"-Fan und Word-Excel-Erfinder Charles Simonyi erkennt der Grimme-Preisträger, dass Nerds "buchstäblich die Welt programmiert [haben], in der wir uns heute bewegen. Wenn wir der modernen Welt ein Gesicht geben wollen, reden wir von Wall-Street-Haien und Managern, aber wir sollten anfangen, über Nerds zu reden."

Frank Schirrmacher tut genau das und erwirbt sich so das Verdienst, als Erster den Nerd als Versuchstier in den Hochkultur-Laboratorien der Republik angesiedelt zu haben. Den Anlass liefert ihm die Piratenpartei - sein Text entstand kurz vor der Bundestagswahl. Er sieht die Partei "in ihrem harten Kern nerdig" und beobachtet die Verwandlung des Nerds "in ein politisches Tier". Schirrmacher bemüht sodann die oft geäußerte Parallele zu den Grünen und glaubt, dass wenn die Nerds ein politisches Mandat errängen, wäre das ihr erster Triumph in der fassbaren Welt, außerhalb jener der Legosteine.

Und hier irrt Schirrmacher, den die amerikanische Zeitschrift "Newsweek" als führenden Intellektuellen rühmt. Das Problem liegt in der Annahme, die Piraten seien so etwas wie der legale parlamentarischee Arm einer nerdischen Untergrundarmee, so wie Sinn Féin und die IRA. Tatsächlich ist das Koordinatensystem ein anderes: Nerd sein ist eine Haltung, es ist die Art Dinge unter dem Primat der Logik anzupacken und die sozialen und popkulturellen Erwartungen Dritter auszublenden. Die Nerds bilden kein großes Kollektiv, nicht mal eine Subkultur - dafür ist die Bindungsenergie zwischen Nerd und Nerd zu gering.

Wegen der optischen und habituellen Uniformität der Nerds ist der Irrtum verständlich, ändert aber nichts daran, dass der Nerd als solcher nicht kampagnenfähig ist und nicht zum "politischen Tier" taugt. Die Piraten schaffen keine Nerdokratie. Sollten sie je ins Parlament einziehen, dann deshalb, weil genügend Bürger den Kanal voll haben von Überwachung und Online-Stoppschildern. Der Bundestag bleibt Lego-freie Zone.

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Ausgabe 07/2013

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