Open Source im professionellen Einsatz

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Standards brauchen Autorität, Angemessenheit und Akzeptanz

Richtig regulieren

Ein Konsens über Werte und Normen vereinfacht das Miteinander und den Austausch zwischen Menschen und Maschinen. Doch es gibt erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Standards.

Der Bauer, der seine Ochsen über die rechteckige Fläche eines ebenen Ackers schickt, hat es leichter als jener, der in der Form verschlungener Pentagramme pflügt. Der Standard, dass Parzellen in der Regel rechteckig sind, ist einfach so entstanden. Vereinheitlichung liegt offenbar in der Natur des zivilisierten Menschen - zu Recht, denn sie vereinfacht das Zusammenleben. Wer jedoch aktuelle Standards näher untersucht, stellt erstaunliche Unterschiede fest.

Von höherer Stelle berufen

Der erste betrifft den Herausgeber der Regelwerke. Klassischerweise erlassen sie höhere Mächte: Etwa Gott die zehn Gebote, die Kirche die päpstlichen Enzykliken oder Bullen, Kaiser ihre Edikte und Dekrete, Parlamente ihre Gesetze. Viele Standardisierungskörper orientieren sich noch heute an diesen hoheitlichen Strukturen: Das metrische System geht etwa auf einen Beschluss des französischen Revolutionsparlaments zurück, das Deutsche Institut für Normung (DIN) unterhält einen exklusiven Vertrag mit der Bundesrepublik Deutschland. Als DIN 476 gibt es beispielsweise die in Europa gebräuchlichen Papierformate heraus, die internationale Dachorgansation legt in ISO 7810 die Maße für Bankkarten und Führerscheine fest.

Doch die Vereinheitlichung hat eine hässliche Schwester, die Bürokratie. Ritchie entwarf 1973 die Programmiersprache C, anschließend schrieb er mit Kernighan darüber ein schlichtes Buch von knapp 300 Seiten, das bis heute als Referenz gilt. Um Java EE hingegen, das neben der Sprache auch noch die Standardbibliothek und andere Komponenten festlegt, kümmern sich diverse Fachgremien, geprüft von Rechtsabteilungen, kontrolliert von Produktmanagern, überwacht von Herstellervertretern und koordiniert von Ausschussvorsitzenden.

Zu viel des Guten

Da gerät das eine oder andere Werk schon mal unübersichtlich. Nach zähem, eine Dekade andauerndem Sträuben beugte sich etwa Microsoft dem Wunsch beispielsweise der EU nach einem einheitlichen Dokumentenformat, reichte aber als Retourkutsche rund 6000 Seiten bei einigen "überzeugten" nationalen Normierungsgremien ein. Der Standard ISO 29500 OOXML war geboren - und beerdigte im gleichen Atemzug die Glaubwürdigkeit einer bis dahin angesehenen Organisation.

Neben der Reputation des Verfassers entscheidet auch die Klarheit der Schrift über deren Erfolg. Ende der 1970er Jahre entwarfen mehrere Gruppen Netzwerkprotokolle. Während Fachgremien der ISO am Open-Systems-Interconnect-Modell (OSI) arbeiteten, das aber im Vagen verharrte, machten Internetpioniere wie Jon Postel oder Vint Cerf konkrete Vorschläge und fragten andere Ingenieure nach ihrer Meinung: Die Requests for Comments (RFCs) sind bis heute die Grundlage des Internets.

Die dritte Eigenschaft eines erfolgreichen Standards ist jedoch die Annahme durch Anwender. Manches wird so auch ohne hoheitliche Festlegung zum effektivsten Regelwerk, dem De-facto-Standard. Wie viele weitere Unix-Tools arbeiten »grep«, »sed« und »sort« zeilenweise. Das legt kein Standard fest, es ist einfach praktisch und sicherlich auch ein Grund für den Erfolg des Unix-Prinzips, kleine Teile universell zu kombinieren.

De-facto-Standards sind am stärksten, wenn viele sie adaptieren. Viele Kommandos verwenden den Schalter »-f« für Eingabe-, »-o« für Ausgabedateien. Mehr Gesprächigkeit entlocken Anwender dem Programm mit »-v«, für Hilfe sorgt meist »-h«. Wer sich als Entwickler an solche informellen Festlegungen hält, hilft sich und seinen Anwendern.

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