Open Source im professionellen Einsatz

Zu den Großen geht's nur so

Bei vielen großen Unternehmen, besonders bei Banken, Post und Telcos, kommen Admins, Datenbanker oder Software-Entwickler nur rein, wenn sie sich bei einem der großen Projektvermittler (wie Hays, [9]) listen lassen. Für die Konzerne mit ihrer Administration wäre es nämlich zu aufwändig, mit jedem Selbstständigen Verträge einzeln zu verhandeln. Nur wer einen hohen und gesuchten Spezialisierungsgrad besitzt (Profi für Java-Middleware oder für Asterisk-Integration) kann eventuell selbst verhandeln.

Keine Kettengeschäfte

Der Vermittler nimmt sich eine Marge, die der Überlassene offiziell nicht erfährt, im Projekt vor Ort aber irgendwie doch herausbekommt. Lauter sind Spannen um die 20 Prozent, so viel müsste man an eigenem Vertriebsaufwand auch einkalkulieren. Oft kommen aber Margen von 30 Prozent oder Kettengeschäfte vor, bei denen drei, vier, fünf Vermittler dazwischensitzen und jeder greift 5 Euro Stundensatz ab - da bleibt nicht viel übrig für den, der die Arbeit macht. In solchen Fällen: Schleunigst raus aus dem Vertrag! Nur von zu hohen Margen Gebeutelte sollten nach spätestens drei Monaten nachverhandeln.

Frisch-Freelancer müssen zudem berücksichtigen, dass Stundensätze stets "all inklusive" sind - fallen Reise- und ähnliche Kosten an, muss sie der Selbstständige tragen und gedanklich vom Tagessatz abziehen. Faustregel für den Nahbereich: Mindestens 10 Euro pro Stunde Weg. Jüngster Trend: In der aktuellen Wirtschaftskrise drücken Telekomunikationskonzerne und Postdienstleister seit Anfang des Jahres die Stundensätze. Im Gegenzug fahren viele Projektvermittler ihre eigenen Prozentsatz hoch. Beim leidigen Thema Stundensatz sollte ein Freelancer generell Rückgrat zeigen und gegebenenfalls auch mal ein Projekt einfach sausen lassen.

Auch Ralf Spenneberg kann der Vermittlerbranche wenig abgewinnen: "Sicherlich habe auch ich mich damals bei Gulp und Dozentenpool24 listen lassen. Dort habe ich aber nie einen Auftrag angenommen, weil die Themen der angeboteten Projekte nicht meine waren." Andere Selbstständige schwören dagegen auf diese Art Beschäftigung.

Wer eigene Erfahrungen machen will, findet beim angesprochenen Portal Gulp ([12], Abbildung 3) einen guten Einstieg in diese Art von Arbeit. Dort gibt es viele Hintergrundinformationen, Listen mit Projektvermittlern und Vergleiche von Stundensätzen. Achtung: Die Sätze sind Durchschnittswerte, die Karriere-Einsteiger kaum bekommen werden. Aber der Freelancer kann nach Projekten suchen und ein eigenes Profil anlegen, auf das die Vermittler zugreifen. Guten Lesestoff bietet auch die Zeitschrift "IT-Freelancer Magazin, die sich - der Name lässt es ahnen - genau auf die Zielgruppe der Selbstständigen ITler konzentriert [13].

Abbildung 3: Das Vermittelportal Gulp hilft dabei, passende Projektanbieter genauso zu finden (linker Frame) wie aktuell ausgeschriebene Aufträge (rechts).

Abbildung 3: Das Vermittelportal Gulp hilft dabei, passende Projektanbieter genauso zu finden (linker Frame) wie aktuell ausgeschriebene Aufträge (rechts).

Der Systemintegrator


Carsten Brunke (39) hat Informatik an der Fachhochschule Gießen-Friedberg studiert und ist heute Geschäftsführer des Hamburger Systemhauses Inmedias.

Die Geschäftsidee: Inmedias setzte ihr Know-how ein, um Kunden mit heterogenen Umgebungen zu Open-Source-Software zu migrieren, schließt allerdings auch nicht aus, mit proprietären Systemen umzugehen [10]. Jedes Projekt der Firma hat in irgendeiner Weise einen Bezug zu freier Software.

Das Unternehmen: Die von Brunke gegründete Firma Inmedias.it GmbH beschäftigt sich vor allem mit Infrastruktur- und Telekommunikationsthemen. Mehr als zehn feste Mitarbeiter konzipieren Projekte, in denen sie Samba, Open LDAP und Active Directories miteinander verbinden sowie Monitoring und Telefonieapplikationen aufsetzen.

Die Entstehung: Vorläufer des Unternehmens als Systemhaus existieren seit 1996. Vor fast zehn Jahren begriffen die Gründer der Firma Open Source als "aufregendes technologisches Mittel, sich vom Wettbewerb zu unterscheiden" und richteten sich auf dieses Thema aus. Seit 2007 gibt es mit der Linux Solution Park GmbH eine Schwesterfirma, die sich ausschließlich auf große Kunden mit Beratungsbedarf im OSS-Bereich fokussiert.

Thema Ideenklau: Einige Unternehmer fürchten an freier Software, dass ein Wettbewerber die Software oder die Idee aufnimmt und für seine Zwecke einsetzt. Brunke hat damit keine Probleme: "Insofern unser Geschäftsmodell nicht auf ein bestimmtes OSS-Produkt fokussiert, das wir vorantreiben und für das wir dann Service verkaufen, ist uns das noch nicht passiert und hätte uns auch nicht passieren können." Er betont die Kultur des Gebens und Nehmens und betrachtet damit die Community nicht als einen Konkurrenten, den er beliefert.

Ganz hanseatischer Kaufmann, zählt er Grundtugenden, die unabhängig von Open Source sind, zum Erfolg einer Unternehmung auf: "Kundenbedarf identifizieren, Kundenansprache entwickeln und testen, Lösung suchen, entwickeln und formulieren - und zwar in genau dieser und in keiner anderen Reihenfolge."

Der
Schwachstellen-Lieferant


Lukas Grunwald (34) ist Geschäftsführer der DN-Systems GmbH und pendelt zwischen Dubai, San Francisco und Hildesheim. Zusammen mit Partnern hat er das Joint Venture Greenbone Networks Inc. gegründet.

Die Geschäftsidee: Greenbone Networks liefert den Kunden eine Schwachstellenanalyse-Lösung zur Vorsorge gegen Netzwerk-Einbrüche - ergänzt durch Sicherheitsberichte mit Change-Management [11].

Das Unternehmen: Greenbone unterstützt die Entwicklung des Schwachstellenscanners Open VAS und bietet rund um das Werkzeug kommerziell Dienstleistungen an. So lassen sich beispielsweise regelmäßig aktualisierte und qualitätsgesicherte Testprogramme auf Schwachstellen abonnieren. Zusätzlich berät Greenbone in Sicherheitsfragen.

Die Entstehung: Grunwald brachte sein Security-Know-how in das 2008 gegründete Unternehmen ein, sein Partner Intevation viel Erfahrung darin, freie Software zu entwickeln und freie Projekte zu koordinieren.

Thema Ideenklau: Der Gründer betont den Aspekt der Transparenz seines Unternehmens: "Wir wenden den dynamischen Organisationsprozess des Konzepts freier Software auf professioneller Ebene an, ohne den Kontakt zu dessen Wurzeln zu verlieren." Das Konzept sei von Anfang an Teil der Geschäftsidee, Greenbone begreift es als Alleinstellungsmerkmal. "Die Wertschöpfung", erklärt Grunwald, "betreiben wir mit Dienstleistung und Qualitätssicherung, nicht unmittelbar mit der freien Software." Er rät Jungunternehmern, eine Marktlücke zu besetzen, die sich durch Mehrwert abgrenzt.

Der Jobvermittler


Lukas Chaplin (29) ist selbstständiger Unternehmer in Frankfurt, er gründete ein Personalvermittlungsportal explizit für Linux-Jobs.

Die Geschäftsidee: Linux Lancers ist eine Personaldienstleistungs-Agentur, darauf spezialisiert, OSS-Freiberufler und Bewerber zur Festanstellung zu vermitteln [14]. Hauptaufgabe ist, Fachpersonal in Unternehmen zu platzieren, die adäquaten Umgang mit Open-Source-Software benötigen.

Das Unternehmen: Die ganze Agentur samt Jobbörsenportal basiert auf Open Source, sie verwendet vom Server bis zu den Desktops ausschließlich freie Software. Das Unternehmen hat angekündigt, seine selbst entwickelte Software des Bewerberportals unter der GPL zu veröffentlichen, sobald sie eine stabile Version erreicht hat, damit mehr Software im Bereich Human Resources der Community zur Verfügung steht.

Die Entstehung: Chaplin hat vor zehn Jahren bei einer Freiberufler-Vermittlungsagentur als DB-Administrator gearbeitet und dabei den Gedanken gefasst, etwas Vergleichbares mit freier Software zu schaffen. Mit Open Source kam der Gründer schon vorher in Berührung und ist von der Idee seither begeistert.

Thema Ideenklau: Der Agenturchef hat sich überlegt, ob es eine Gefahr für sein Portal wäre, dessen Quellen offen zu legen. Der Fehler in dem Gedankengang sei jedoch, dass ohnehin jeder, der das möchte, die Idee kopieren kann. "Sobald ich eine Software an den Markt bringe - freie oder nicht -, muss ich mich potenziellen Nachahmern stellen." Chaplin kennt den Markt und sieht\'s sportlich: "Sollte jemand mich kopieren, würde ich mich zu einem gewissen Grad freuen, bedeutet es doch, dass meine Ideen es wert sind, kopiert zu werden."

Daher hält er die Qualität sowohl seiner Software, als auch die der damit erbrachten Dienstleistung für ausschlaggebend. Die unter Open-Source-Modellen geschriebene Software sei langfristig qualitativ hochwertiger, da mehr Entwickler mit Expertenwissen auf sie blicken.

Der Netzwerker


Rainer Manns ist Diplomingenieur und studierte Anfang der 1980er Jahre in Hamburg Maschinenbau. Er gründete ein Netzwerk von IT-Sepzialisten mit Schwerpunkt auf Open Source.

Die Geschäftsidee: Das Business Linux Hanse Network ist ein loser Verbund von Unternehmen und Selbstständigen, die einen starken Hintergrund in Beratung, Software-Entwicklung, Multimedia und Betrieb haben [15]. Wechselnde Partner bearbeiten die Projekte gemeinsam.

Das Unternehmen: Das Netzwerk entwickelt innovative IT- und Software-Lösungen, installiert Linux und andere Open-Source-Produkte distributionsunabhängig auf Servern, virtuellen Maschinen, Clustern, HA-Systemen, eingebetteten Systemen, Desktops und Notebooks unterschiedlicher Hersteller. Es liefert Support bei der Installation, Konfiguration, Administration und bei der täglichen Arbeit.

Die Entstehung: Aus dem Verbund, um gemeinsam seit 1989 an EDV-Themen zu arbeiten, keimte irgendwann der Gedanke, vollständig auf Open Source zu setzen. Die Gruppe berät seither bei Linux-Einführungen, macht Netzwerkanalysen und übernimmt die Projektierung größerer Vorhaben. Heute macht sie 100 Prozent ihres Umsatzes mit Dienstleistungen rund um OSS.

Thema Ideenklau: Manns kennt keine Bedenken, dass der offene Ansatz freier Software dazu führt könnte, dass Wettbewerber die eigenen Geschäftsideen kopieren: "Die ist ohnehin zum Kunden kommuniziert und somit öffentlich. Da gibt es keinen Schutz", zeigt er sich überzeugt. Junge Unternehmer weist er auf Wohl und Wehe dieser Entwicklung hin: "Wettbewerb erhöht die Qualität und senkt den Preis."

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