Glaubt man konservativen Politikern, dienen Computerspiele in erster Linie Jugendlichen, die damit ihren nächsten Amoklauf vorbereiten. Vorurteilen trotzend hat es sich der französische KDE-Entwickler Sacha Schutz vorgenommen, die Entwicklung neuer Spiele für die K-Desktop-Umgebung zu vereinfachen.
Gluon und Karicat
Gluon [1] soll es KDE-Entwicklern leicht machen, auf Audio- und Grafikhardware zuzugreifen. Die Bibliothek bietet für Programmierer eine Welt, in der realitätsnahe physikalische Gesetze gelten und in der beispielsweise Fallgeschwindigkeiten und Aufprallkräfte von Gegenständen einfach zu implementieren sind.
Schutz hat jetzt ein erstes Programm auf Basis von Gluon entwickelt: Karicat [2] ist von den Miis [3] inspiriert. Das sind dreidimensionale virtuelle Charakters der Spielkonsole Wii. Karicat erstellt ähnlich geartete Avatare (Abbildung 1). Das Programm befindet sich allerdings noch in einem frühen Entwicklungsstadium, so dient es bisher vor allem zur Demonstration der Fähigkeiten der zugrunde liegenden Gluon-Bibliothek.
Bei Redaktionsschluss fehlte beispielsweise noch eine Funktion, um eigene Werke abzuspeichern. Dennoch handelt es sich bei Karicat bereits um ein amüsantes Programm. In einer bemerkenswert intuitiven Bedienoberfläche bearbeitet der Anwender einen Kopf, der an eine Zeichentrickfigur erinnert. Es stehen vordefinierte Prototypen zur Wahl, die der Benutzer mit einfachen Mausbewegungen individuell anpasst.
Das verwendete Theme, eine Grafikdatei im SVG-Format, bestimmt die Grundzüge eines neuen Gesichts. Bislang enthält das Karicat-Paket lediglich ein einziges Theme; weitere Looks beizusteuern wird spätestens nach Fertigstellung von Karicat zu den unterhaltsamen Aufgaben der künftigen Benutzergemeinde gehören. Wie auch die Miis kennen Karicat-Gesichter einfache Animationen, die dem Avatar Leben einhauchen.
Die Bibliothek
Gluon besteht bislang aus drei Kernkomponenten: KCL kümmert sich um Eingabegeräte und beschränkt sich dabei nicht auf die traditionellen Komponenten wie Maus, Tastatur oder Joystick. Das modulare System ermöglicht die Unterstützung weiterer Geräte. Dabei denkt Hauptentwickler Schutz auch an neuartige Interaktions-Methoden wie etwa die von einer Webcam aufgenommenen Bilder und den Controller der Wii-Spielkonsole.
Die Gluon KDE Audio Library (KAL) sorgt für die Tonausgabe der mit Gluon entwickelten Spiele. Dieser Part fällt vergleichsweise unspektakulär aus, denn - etwas vereinfacht ausgedrückt - soll das Spiel die Töne lediglich an das Soundsystem des Desktops weiterreichen. Ganz so leicht machen es sich die Entwickler aber nicht, denn KAL kalkuliert unter anderem automatisch die ansteigende und abklingende Lautstärke sich nähernder beziehungsweise sich entfernender Objekte. Um diese Funktionalität kümmert sich die externe Bibliothek OpenAL (Open Audio Library, [4]).
Die Hauptarbeit steckt in der dritten Gluon-Komponente: KGL sorgt für die Grafikausgabe und enthält die Physik-Engine. Die Berechnung von Zusammenstößen und anderen wechselseitigen Auswirkungen von Objekten gehört bei Spielen und anderen Applikationen mit interagierenden Objekten zu den komplexesten Aufgaben, und so gibt es hier noch viel zu tun.
Für den zweidimensionalen Raum greift KGL auf Box2D [5] zurück, eine freie Bibliothek für das Simulieren realistischer Beschleunigungen, Kollisionen und anderer kinetischer Effekte. Die Hauptarbeit findet derzeit in der dritten Dimension statt, wo die Gluon-Entwicklung noch am Anfang steht. Bei Redaktionsschluss experimentierten die Programmierer gerade mit der Integration der Open Dynamics Engine [6].