Open Source im professionellen Einsatz

Neues bei Debian

Debianopolis

Debian ist frei und seine Entwickler sind Kosmopoliten. Das Linux-Magazin berichtet regelmäßig Interna aus der Debian-Entwicklerszene und angrenzenden Projekten.

Abbildung 1: Immer langsam mit den jungen Pferden! Stabilität hat bei Debians Versionen Priorität. So manche Release erreicht dadurch ein für Distributionen stattliches Alter.

Abbildung 1: Immer langsam mit den jungen Pferden! Stabilität hat bei Debians Versionen Priorität. So manche Release erreicht dadurch ein für Distributionen stattliches Alter.

Das Linux-Magazin halten Leser seit 15 Jahren zum angekündigten Termin in den Händen. Auch wenn\'s mal knapp war - es ward vollbracht. Weniger stressig geht es in Debians Release-Abteilung zu. Wenn es heißt, eine neue Version werde "im Dezember" fertig, kann niemand sicher sagen, welches Jahr wohl gemeint ist.

Alt, älter, Debian

Tatsächlich erscheint die Release-Policy des Debian-Projekts im Vergleich mit den Veröffentlichungszyklen anderer Projekte weißhaarig (Abbildung 1). In rund 16 Jahren Entwicklungszeit bringt es Debian gerade mal auf zehn Releases. Andere Projekte bringen neue Versionen dagegen halbjährlich (Fedora) oder alle acht Monate (Open Suse) heraus. Oft genug stecken die Debianer dafür harsche Kritik ein: "nicht zeitgemäß" und "unzuverlässig" klingt da noch freundlich.

Das gemächliche Tempo der runden Versionen ist Tradition seit der ersten stabilen Release im Juni 1996. Zwei Jahre später erschien Debian 2.0 "Hamm". Debian 3.0 "Woody" ließ wieder zwei Jahre auf sich warten, "Sarge" ganze drei, 4.0 "Etch" holte auf ein Jahr und acht Monate auf. Ähnlich lange trug das Projekt an der aktuellen Version 5.0 "Lenny". Nicht selten ist im Internet "Debian Sta(b)le" zu lesen: angestaubtes Debian.

Den Unmut der Benutzer ziehen die langen Release-Zyklen auf sich, weil Debian-Administratoren zwischen zwei Extremen wählen müssen: Setzen sie auf den stabilen Zweig, haben sie zwar ein offiziell unterstütztes System, nach kurzer Zeit aber auch Software, die Features von neueren Versionen nicht bereitstellt. Wer hingegen aktuelle Software einsetzen will, braucht mindestens die Pakete aus dem Testing-Zweig und lebt dafür in der ständigen Gefahr, dass sein System den Dienst quittiert.

Kurzer Prozess

Ende Juli nun überraschte das Projekt die Open-Source-Welt mit dem Entschluss, ab jetzt feste Release-Zyklen zu verwenden: Alle zwei Jahre gäbe es eine neue Debian-Version. Der Feature-Freeze erfolge im Dezember jedes ungeraden Jahres, im darauf folgenden geraden Jahr die Release. Um in dem neuen Rhythmus Fuß zu fassen, erscheine die nächste Debian-Version 6.0 schon 2010. Der Squeeze-Freeze stehe also Ende dieses Jahres an - nur rund zehn Monate nach Lenny.

Kaum hatte das Presseteam diese Meldung rausgeschickt, erhoben sich auf der Projekt-Mailingliste wütende Stürme. Vielen Entwicklern stieß auf, wie die Entscheidung zustande gekommen war (stellvertretend [1]). Debians Ankündigungen geht üblicherweise eine lange Diskussion auf diversen Mailinglisten voraus. Diesmal aber fiel die Entscheidung während der Debconf im Juli. Schriftliche Aufzeichnungen der Entscheidungsfindung fehlen ebenso wie eine Mitsprachemöglichkeit für alle, die es nicht zur Entwicklerkonferenz schafften.

Jetzt rudert das Release-Team wieder zurück. Release-Manager Luk Claes will die zuvor als offizielle Pressemeldung verteilte Ankündigung nur noch als "Vorschlag" verstanden wissen [2]. Auf Außenstehende wirkt die Diskussion ohnehin etwas seltsam: Ein zweijähriger Release-Rhythmus würde den jetzigen Prozess kaum beschleunigen. Auch künftig müssten Debian-Administratoren überlegen, ob sie lieber aktuell oder stabil auf ihren Systemen unterwegs sind. Bei Redaktionsschluss hielten die Diskussionen über den Vorschlag und insbesondere das Zieldatum von Squeeze jedenfalls noch an. (ake)

Der Autor

Martin Loschwitz ist Debian-Entwickler und arbeitet als System Operator bei der Linbit GmbH in Wien.

Infos

[1] E-Mail von Frans Pop:[http://lists.debian.org/debian-project/2009/07/msg00148.html]

[2] Antwort von Luk Claes:[http://lists.debian.org/debian-project/2009/07/msg00180.html]

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