Die Pioniere des Rock\'n\'Roll waren Vorbilder: Chuck Berry etwa, eine Leitfigur der 60er Jahre, ohne den die Beatles nach eigenem Bekunden niemals angefangen hätten und dessen Songs die frühen Stones nachspielten. Oder Buddy Holly, von dem sich die Beatles direkt ihre spätere Besetzung abschauten - Lead- und Rhythmusgitarre, Bass und Drums.
Die Beatles und die Stones polarisierten ganze Fan-Generationen: Hier die Anhänger der ungeschliffenen, vermeintlich authentischeren Stones mit ihrem Bad-Boys-Image, der vielleicht besseren Live-Performance, den hörbaren Wurzeln in Blues und Hillbilly. Dort die adrett gekleideten Pilzköpfe, die bessere Studioband, die in der Anfangszeit mehr Selbstkomponiertes vorzuweisen hatte und dabei einen weicheren Pop-Ton traf, auf den sie zunächst Schlagertexte sang.
Die beiden Antipoden in den Jugendjahren des Rock vergrößerten beständig ihre Einflussreiche ("Beatlemania"), wirkten auf Dutzende nachfolgende Bands, die sich untereinander wiederum ähnelten oder kontrastierten, die kooperierten und konkurrierten, die selbst Nachfolger hervorbrachten und ihrerseits als Vorbilder späterer Generationen fungierten.
Vernetzt
Wer ein wenig vor sich hin skribbelt, um sich dieses Geflecht der gegenseitigen musikalischen Einflüsse zu verdeutlichen, der zeichnet unwillkürlich ein Netz. Dessen Knoten bilden die Namen der Bands und dessen Kanten symbolisieren verschiedene Beziehungen wie etwa "war Vorbild für", "war Konkurrent von" oder "war Gegenspieler von". Auf dieser Ebene, auf der allein die Bandnamen Protagonisten sind, gerät die Darstellung noch recht abstrakt, doch lässt sie sich leicht konkretisieren, indem man den Knoten Belege anhängt: etwa MP3-Musikbeispiele, biografische Texte, Tourneetermine oder auch Musikvideos (Abbildung 1). Der Fachjargon nennt diese greifbaren Details, die sich dem abstrakteren Geflecht der Grundideen zugesellen, auch adressierbare Informationen. Das Meer solcher Fakten erhält plötzlich eine Struktur, die Verknüpfung verwandelt Information in Wissen.
Abbildung 1: Ein Einblick in die Musikszene der 60er Jahre: Wer wirkte stilbildend, wer beeinflusste wen? Unwillkürlich entsteht ein Netz.
Topic Maps
Ein solches Skribble, wie es hier mit Blick in die Geschichte der Rockmusik zustande kam, taugt zu weit mehr als nur zu einer beliebigen Ideenskizze. Wenn man es ein wenig formalisiert, führt es tatsächlich zu ausgewachsenen Methoden der Wissensrepräsentation, genauer zu Spielarten semantischer Netze. Gemeinsam ist ihnen, dass ihre Knoten aus Begriffen und die Maschen aus Beziehungen bestehen, verschieden sind der Grad der Formalisierung und die exakte Art des Materials, das sie verweben.
Eine Unterart solcher Netze nennt sich Topic Maps. Die Topics sind dabei ganz allgemein die Gegenstände (Subjects) oder Themen eines Wissensgebiets im weitesten Sinn, die als Netzknoten dienen. Die Kanten bilden Beziehungen (Associations) zwischen diesen Topics. Die angehängten Dokumente, die dem oft abstrakten Topic konkrete Information hinzufügen, heißen Occurrences (Vorkommen), sie finden sich auf einer zweiten Ebene unterhalb der Topics.
Die Topics gehören ebenso wie die Verbindungen bestimmten Typklassen an und die Occurrences können vordefinierte Rollen ausfüllen (Abbildung 2). Mit einem Blick auf die Anfangsbuchstaben der Begriffe Topics, Associations und Occurrences und mit dem konfuzianischen Begriff für den rechten Weg im Hinterkopf entstand das Wortspiel "Tao der Topic Maps" [1].
Abbildung 2: Die Trennung in zwei Layer: Topics und adressierbare Informationsressourcen bilden einen der Knackpunkte des Topic-Map-Modells.
Informationswissenschaftlich betrachtet gehören die Topic Maps in dieselbe Großfamilie wie Indexe und Thesauri. Auch in einem Index findet sich das Grundmuster wieder: Die Stelle der Topics nehmen dort Terme ein, die allerdings alle vom selben Stichwort-Typ sind, die Occurrences heißen hier Fundstellen und es gibt auch hier die - allerdings einzige und starre - Relation "Stichwort verweist auf Fundstelle". Indexe gibt es seit Urzeiten, bekannt ist, dass bereits die Bibliothek des Assyrerkönigs Assurbanipal (685 bis 627 vor unserer Zeitrechnung) über einen Katalog - sprich Index - verfügte.