Für die Pioniere stellte freie Software ein Produktionsmodell für eine bessere Gesellschaft dar. Dank der Möglichkeit zur unbegrenzten und verlustfreien Vervielfältigung gibt es Mangel bei digitalen Gütern lediglich als Folge juristischer Schranken und eigens eingebauter Mechanismen zur Verhinderung der Kopie. Nennenswerte Herstellungskosten fallen bei Software nur während der Entwicklung an, die Preise für Medien - ob Daten-DVDs oder Internetserver - sind zu vernachlässigen.
Neue Geschäftsmodelle
Produzenten und Verkäufer proprietärer Software argumentieren stets, dass sie die bereits investierten Entwicklungskosten durch den Verkauf der Einzelkopien wieder hereinholen müssen, denn sonst fehle der Lohn für die professionellen Programmierer. Firmen wie Red Hat und andere setzen dem ein Geschäftsmodell entgegen, bei dem die Einzelkopie selbst keinen Umsatz erzeugt. Beides entspricht nicht der Vorstellung der utopischen Vorreiter freier Software, denn der Profit als Maxime des Handelns wird nicht abgeschafft, sondern der Prozess an die Eigenheiten der Ware "Software" angepasst: Verkauft wird nicht mehr das kopierbare Produkt als solches, sondern die Dienstleistung drumherum.
Auch wenn sich freie Software nicht als Wegweiser zu einer Gesellschaft erwiesen hat, die Mängel, materielle Not und soziale Ungleichheit überwindet, kann sie dennoch messbaren Erfolg vorweisen, der sich nicht auf das Wohl einiger Unternehmen beschränkt. Freie Software hat in den letzten Jahren zu einer Verkleinerung der digitalen Kluft zwischen Armen und Reichen beigetragen. Das sprichwörtliche afrikanische Kind könnte bald mit einem Laptop ausgestattet werden, für den unter anderem das freie und kostenlose Linux-Betriebssystem einen Preis erlaubt, den auch die Regierungen armer Länder bezahlen können [1].
Die Utopisten haben bis heute keine endgültige Antwort auf die Frage gefunden, wie man das Prinzip der freien Software auf andere Produkte übertragen könnte. Denn die meisten anderen Güter benötigen natürlich begrenzte Ressourcen, spezielle Fertigungsanlagen oder beides. Die Fortschritte im Kampf gegen die digitale Ungleichheit erscheinen im Schatten anderer materieller Nöte deshalb nur als Nischenerfolg, die großen Probleme der Menschheit bleiben davon bislang weitgehend unberührt.
"Freie Hardware" [2] überträgt die Prinzipien der freien Software auf andere Bereiche. Dass damit nicht nur Computer gemeint sind, zeigen Baupläne für ein freies Auto namens Oscar [3] und die freie Sun-CPU Opensparc [4]; deren Entwicklung verlief allerdings nach dem traditionellen geschlossenen Modell und nicht zusammen mit einer freien Community.
Der offene PC
Beim Gran Canaria Desktop Summit (GCDS) kamen im Juli Unterstützer der freien Desktopumgebungen KDE und Gnome zusammen. Auf diesem Treffen stellte der Stuttgarter Frank Karlitschek eine neue Idee vor, um die Entwicklung eines optimalen Linux-PC voranzutreiben (siehe Abbildung 1). Die Freie-Software-Gemeinschaft soll einen Community-PC entwerfen, womit allerdings lediglich die Zusammenstellung und nicht der Bau freier Einzelteile gemeint ist.
Die Idee, mit freier Soft- und Hardware eine Produktionsweise hervorzubringen, die sich statt am Profit am Bedarf der Menschen orientiert, steht beim Open-PC [5] aber nicht im Vordergrund. Karlitschek will vor allem das Problem angehen, dass der Hardwaremarkt aus Sicht der Nutzer freier Software bisher kein zufriedenstellendes Angebot bereithält. Auch die mittlerweile von einigen großen Herstellern (etwa Asus, Dell und Acer) angebotenen Linux-PCs sind mehr oder weniger auf eigens angepasste Systeme angewiesen - die Linux-typische Individualität geht damit verloren. Oft gebe es Treiberprobleme und schlechten Support zu bemängeln, so Karlitschek.
Also soll die Linux-Community ihren PC selbst zusammenstellen. Der Vorteil liegt darin, dass es sich (anders als bei den Linux-Rechnern der großen Hersteller) nicht um eine für Windows konzipierte Hardwarekompilation handelt, die zufällig auch mit Linux funktioniert. Die volle Linux-Unterstützung steht von Anfang an im Vordergrund. Später soll es Support durch die Community geben. In einem so genannten App Store finden Benutzer zusätzliche Anwendungen, die reibungslos auf ihren Open-PCs laufen.