Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 06/2009
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Darf's ein wenig mehr sein?

Derzeit tendieren Herstellern dazu, die Grenzen der Netbooks auszuloten, die da heißen günstig und schwachbrüstig sowie teuer und leistungsfähig auf der anderen Seite. Anbieter wie Sony wollen ihr Gerät nicht mehr Netbook nennen, erobern aber die 8- und 11-Zoll-Region, also die untere und obere Markierung dessen, was von der Größe her landläufig als Netbook durchgeht. Selbst die Ein-Zoll-Grauzone, die dann noch zum Notebook bleibt, ist den Herstellern eine Füllung wert: Hewlett-Packard hat ein 12-Zoll-Ultraportable vorgestellt, das mit einer AMD-CPU ausgestattet ist (Athlon Neo MV-40). Die CPU liegt preislich unter den Intel-Chips, gilt aber als weniger stromsparend.

Im Gegensatz zur ursprünglichen Netbook-Idee des günstigen mobilen Zweitgeräts gibt Sony für das Vaio TT den Slogan "Mobilität ohne Kompromisse" aus: 11-Zoll-Bildschirm, Dualcore-Prozessor, DVD-Laufwerk und ein Preis von 1500 Euro sind die Merkmale dieser Kompromisslosigkeit. Mit Bluray-Disc-Laufwerk konfiguriert kostet es in der maximalen Ausbaustufe stolze 2600 Euro.

Dass Netbooks bislang aus Energie- und Platzgründen auf DVD-Laufwerke verzichteten, ist also nicht mehr selbstverständlich. Asus selbst bricht gerade ebenfalls mit diesem Brauch: Noch nicht auf dem Markt, aber seit Ende März angekündigt ist der Eee-PC 1004DN, der in seiner 1,5 Kilogramm schweren Hardware einen 10-Zoll-Bildschirm und ein DVD-Laufwerk unterbringen soll.

Wer angesichts des Vaio TT nur noch rufen kann "Das ist doch kein Netbook mehr", der lässt sich vielleicht mit dem kleinen Bruder P (für portable) von verschwimmenden Grenzen überzeugen. Der neueste Atom-Prozessor paart sich hier mit ziemlich hoher Auflösung, dem vollen Mobilfunk-Programm, neun Stunden Akkulaufzeit (Herstellerangabe) und kaum 700 Gramm. Dafür darf man sich für seine 1000 Euro 15 Zeichen auf das neue Edelteil gravieren lassen - dies dann ohne weiteren Aufpreis.

Das Image "schick" statt "billig" machen sich auch andere Hersteller zu Nutze. Das neue Inspiron Mini 10 von Dell, das es in Kürze auch wieder mit Linux geben soll, setzt in einer Spezialversion ebenso auf Eyecandy wie die Designer-Ausgabe des Mini 1000 von HP (Abbildung 1). Man will damit neue Zielgruppen erschließen, die sich den Spaß etwas kosten lassen: Bis zu 600 Euro dürfen es im Fall HP schon sein, auch wenn die Ausstattung zum Beispiel mit fehlender UMTS-Unterstützung schon fast unterhalb des aktuellen Durchschnitts liegt. Dafür gibt es eine bestickte Notebook-Schutzhülle und einen Desktop-Hintergrund im Vivienne-Tam-Design, der Windows XP aufwertet oder dies zumindest versucht.

Abbildung 1: Hersteller verlängern den Trend der kleinen Geräte in den Massenmarkt, indem sie Fußballfans und Selbstdarsteller anvisieren: Lenovo mit dem VfB Stuttgart (links), Dell mit psychedelischen Linien (Mitte) und HP mit der Designer-Edition von Vivienne Tam (rechts).

Zukunftsmusik

Verbauten Mininotebook-Hersteller wie Asus und HP anfangs noch M-Celerons und Via-Prozessoren, ist Intels Atom heute Quasi-Standard. Der aktuelle Atom Z520/30 ist folgerichtig ebenfalls bereits in mehreren neuen Geräten verbaut. Künftig wird es aller Voraussicht nach mehr Netbooks mit ARM-CPU geben, und die Vielfalt der Intel-CPUs dürftemit der Pineview-Serie zunehmen. Den Nachfolger des Atom-Prozessors hat Intel für 2009 oder 2010 angekündigt. Gründe für zunehmenden Plattform-Wettbewerb sind günstigere Preise und weniger Stromverbrauch, also bessere Akkulaufzeiten. Bislang müssen Hersteller die Kosten für lange Stromnetz-Abstinenz (mehr als vier Stunden) auf den Käufer umlegen, indem sie Akkus mit mehr Zellen verbauen.

Eine Via-CPU findet sich in keinem einzigen der aktuellen Netbooks. Seit Ende 2008 ist Via jedoch zurück in der Arena: Der Chiphersteller kündigte die eigene Mobil-Plattform Trinity an, auf der ein Via Nano sitzt. Aber auch das Halbleiter-Unternehmen Freescale hat auf dem Mobil-Kongress in Barcelona im Februar ein Referenz-Netbook mit Ubuntu vorgestellt: Sein Ein-Chip-System I.MX515 integriert die Embedded-CPU ARM Cortex A8. Die Linux-Firma Xandros bändelt ebenfalls mit der neuen Netbook-Plattform von Freescale an.

Das Unternehmen kündigte neben dem MX515 auch Adaptionsvorhaben für die Snapdragon-Plattform von Qualcomm [6] an. Und noch jemand mischt mit: Google. Android wandert gerade in Zusammenarbeit von Wind River und Qualcomm auf den Snapdragon-Chip, der mit erweiterten Grafik- und Mobilfunkfähigkeiten nicht nur auf mobile Internet-Devices zielt, sondern auch auf Netbooks. An diesem Projekt beteiligen sich diverse Mitglieder der Android-Arbeitsgemeinschaft Open Handset Alliance [7], unter anderem Asus, Acer, Samsung, LG und Toshiba. Qualcomm äußerte gegenüber dem Linux-Magazin, dass derzeit 15 Hersteller an rund 30 Produkten arbeiten.

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