Open Source im professionellen Einsatz

Für Logis und eine Hand voll türkischer Lira

So berichteten auch mehrere Opfer, dass sie zu monatlichen Vertragsabschlüssen für ein wertloses Abo gedrängt werden sollten. Für 49 Euro nähmen sie dann an 200 Preisausschreiben teil. Auf diese Weise versuchen die Abzocker, Lastschriften zu rechtfertigen, wenn schon Kontodaten vorliegen. Anderfalls verlangen die Agents diese Angaben, angeblich, um eine Kündigung abzugleichen.

Einige Opfer merken die gebrochene deutsche Sprache mancher Anrufer an, konnten sich aber nicht auf eine regionale Mundart einigen: Manche vermuteten danach das Callcenter in Hessen andere in Berlin. Wahrscheinlich lagen alle falsch: Das mutmaßliche Callcenter steht in Samsun, weit im Norden der Türkei an der Schwarzmeerküste. Das geht zumindest aus einer Anzeige hervor, die das Unternehmen Süperphone in mehreren türkischen Zeitungen auf Deutsch geschaltet hat (siehe Abbildung 8). Umgerechnet knapp 500 Euro Festgehalt, freie Logis sowie Abschlussprämien bietet es an.

Bei solchen Tarifen sind eine Voice-over-IP-Verbindung nach Deutschland und entsprechende Ausstattung mit Computern durchaus erschwinglich (siehe Abbildung 9). Wer sich die Bildergallerie des Unternehmens genau ansieht, entdeckt auch wieder die in ASP programmierte Callcenter-Oberfläche aus Antalya (siehe Abbildung 10).

Abbildung 6: Die Wege der personenbezogenen Daten sind oft verworren und erstrecken sich über mehrere Beteiligte und Länder. Für jede der abgebildeten Positionen gibt es parallel arbeitende Unternehmen, die dann übernehmen, wenn ein Glied der Kette ausfällt, um Teilnehmer zu Vertragsabschlüssen zu drängen.

Abbildung 6: Die Wege der personenbezogenen Daten sind oft verworren und erstrecken sich über mehrere Beteiligte und Länder. Für jede der abgebildeten Positionen gibt es parallel arbeitende Unternehmen, die dann übernehmen, wenn ein Glied der Kette ausfällt, um Teilnehmer zu Vertragsabschlüssen zu drängen.

Abbildung 7: Auch Daten altern. Kann das Callcenter keine Profite mehr mit einem Satz Daten abschöpfen, verkauft es den einfach an die Wettbewerber.

Abbildung 7: Auch Daten altern. Kann das Callcenter keine Profite mehr mit einem Satz Daten abschöpfen, verkauft es den einfach an die Wettbewerber.

Abbildung 8: Umgerechnet knapp 500 Euro und Logie bietet ein türkisches Callcenter Arbeitnehmern, die deutsche Sprachkenntnisse mitbringen.

Abbildung 8: Umgerechnet knapp 500 Euro und Logie bietet ein türkisches Callcenter Arbeitnehmern, die deutsche Sprachkenntnisse mitbringen.

Täter und Opfer

Das System der Adresshändler und Abzocker ist gut durchdacht: Hier arbeiten mehrere Firmen Hand in Hand, teilweise im Ausland, teilweise in Wegwerf-Unternehmen, die zumal oft einen Strohmann vorschieben. Webseitenbetreiber zocken die Adressen ab, ein Broker sammelt sowie wertet sie aus und verkauft sie an Callcenter. Die wiederum rufen mit mehr oder weniger legalen Methoden bei Kunden an und versuchen weitere Informationen herauszufinden (siehe Abbildung 6). Das ist eigentlich nach Paragraf 7 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb eine "unzumutbare Belästigung" und mit bis zu 50 000 Euro Bußgeld bewehrt, aber wo kein Kläger, da kein Richter [3].

Jeder Datensatz stellt je nach Vorauswahl und Qualifikation einen beachtlichen Wert von einigen Cent bis hin zu Bruchteilen von Euro dar. Und lässt sich mit einem Satz Daten nicht mehr verwenden, so verkaufen ihn die Callcenter einfach an die Konkurrenz (siehe Abbildung 7).

Abbildung 9: Ferngespräche sind mit moderner Voice-over-IP-Technik kein Problem mehr: Eines der Callcenter, das Kontodaten von Gewinnspielteilnehmern abfragt, steht in Samsun, an der türkischen Schwarzmeerküste.

Abbildung 9: Ferngespräche sind mit moderner Voice-over-IP-Technik kein Problem mehr: Eines der Callcenter, das Kontodaten von Gewinnspielteilnehmern abfragt, steht in Samsun, an der türkischen Schwarzmeerküste.

Abbildung 10: Fotos aus der Unternehmensgalerie des Callcenters belegen bei genauerer Betrachtung, dass ihre Agents in der Türkei das gefundene Webfront-end von Cenk Y. verwenden, um damit deutschen Teilnehmer anzurufen.

Abbildung 10: Fotos aus der Unternehmensgalerie des Callcenters belegen bei genauerer Betrachtung, dass ihre Agents in der Türkei das gefundene Webfront-end von Cenk Y. verwenden, um damit deutschen Teilnehmer anzurufen.

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