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54 | Open Suse 11.1
Suses jüngster Spross im Überblick.
56 | Bitparade
Freie OCR-Programme haben seit dem letzen Test Ende 2006 kräftig zugelegt.
62 | Tooltipps
Unter anderem: Auswerten des Mailverkehrs, eine simulierte
Linux-Umgebung unter Windows, Programmausgaben überwachen und vergleichen.
64 | Projekte
Die Projekteküche stellt eine neue Softwaregattung vor: den Web-Musicplayer Songbird.
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Vor Kurzem wollte der Autor einen dreistimmigen Chorsatz in Noten festhalten. Rosegarden [1] stellte alle dafür nötigen Funktionen zur Verfügung. Die Gesangsaufnahme in einer Audiospur bildete die Basis. Alt, Sopran und die Männerstimme waren dann Schritt für Schritt mit den Noten abzubilden. Da Aufnahme und Midi-Stimmen sich parallel abspielen lassen, hört ein einigermaßen geübtes Ohr Fehler bei der Transkription sofort.
Lediglich ein Paar Tempowechsel sind erforderlich, um Aufnahme und Midi-Noten über das ganze Stück synchron zu halten. Der Notendruck über das in Rosegarden integrierte Satzsystem Lilypond [2] liefert ein so professionelles Ergebnis, dass keines der Chormitglieder auf die Idee kam, dass es sich um handgesetzte Noten handelt - eine Open-Source-Erfolgsgeschichte.
Nicht alles ist gut
Doch immer wieder scheitert freie Software im Vergleich zur kommerziellen Konkurrenz schon in Standarddisziplinen. So ärgert sich jeder Linux-Fachjournalist, dass es keine freie Rechtschreibprüfung in professioneller Qualität gibt. Nützlich wäre auch eine Spracherkennungs-Software, wie sie unter Windows in guter Qualität zur Verfügung steht. Chronisch schwachbrüstig wirkte freie Software lange Zeit auch bei der automatischen Erkennung gescannter Texte (OCR). Erst gewinnorientierte Firmen haben mit Open-Source-Releases das Bild aufgehellt (siehe Bitparade ab Seite 56).
Warum tut sich freie Software mit der Rechtschreibprüfung, der Spracherkennung oder der optischen Texterkennung so schwer? Wäre nicht jeder guten Lösung in diesen Bereichen wesentlich mehr Resonanz sicher, als einer noch so guten Musik-Software? Über die Ursachen lässt sich nur spekulieren. Doch wo gesicherte Daten fehlen, ist eine Vermutung ein legitimer erster Schritt, sich der Wahrheit anzunähern. Freie Software, so scheint es, schwächelt immer dort, wo langwierige Routineaufgaben wie das stupide Sammeln von Wortmaterial das Engagement der Freiwilligen abwürgen. Oder wo interdisziplinäre Zusammenarbeit gefragt ist, etwa mit Linguisten.
Finanzspritze bitte!
Vor dem geistigen Auge formt sich nun vielleicht das Bild des allein für den Computer begeisterungsfähigen Nerds. Wie jedes Klischee ist dies natürlich überzeichnet. Aber stimmt es nicht, dass freie Software am ehesten dort Schwächen zeigt, wo es über reinen Programmcode hinauszublicken gilt? Bei intuitiv zu bedienenden GUIs, bei der Dokumentation und bei der interdisziplinären Zusammenarbeit?
Bleiben noch unbeliebte Aufgaben wie das Sammeln und Korrekturlesen von Wortlisten. Dass Freiwillige nach Feierabend zu solchen Aufgaben wenig Lust verspüren, ist verständlich. Die kommerzielle Konkurrenz hat es hier leichter, sie bezahlt ungeliebte Arbeiten. Auch mit dem gut funktionierenden Linux verdienen viele Firmen Geld. Etliche investieren in den Kernel oder Servertechnologien. Doch bei Software, die auf private Anwender zielt, sieht es eher mau aus. Für ein Projekt wie eine Rechtschreibprüfung möchte, aller Bedeutung für den Einsatz in Firmen zum Trotz, scheinbar niemand eine müde Mark zuschießen.
Eine der Folgen ist sicher die Verbreitung der Microsoft-Office-Produkte, auch an den Schulen. So wird wohl der eine oder andere Computerbegeisterte im Windows-Lager landen, weil er sich an Windows gewöhnt, ehe er Linux überhaupt kennenlernt.