Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 01/2009
Credit: Jeff Schmaltz, NASA's MODIS Rapid Response Team

Credit: Jeff Schmaltz, NASA's MODIS Rapid Response Team

Freie Mapping- und Routing-Services mit von Usern erzeugten Karten

Wirbelstürmer

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Nach dem Hurrikan Ike verwenden Einsatzteams auf Haiti Location Based Services auf der Basis von Open-Source-Projekten wie Openstreetmap und Openrouteservice.

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Haiti, Sommer 2008. Hurrikane Ike hat gerade die Insel verwüstet und weite Teile überflutet. Geschätzer Schaden: Milliarden Dollar. Hunderte Tote, Zehntausende Obdachlose. Weiträumige Überschwemmungen, zerstörte Brücken und Straßen gestalten den durch die UN organisierten Hilfseinsatz für die über 650000 Betroffenen kompliziert. Mitten in der Katastrophe besteht der freie Routendienst Openrouteservice (ORS, [1]) seine Feuertaufe und zeigt die Flexibilität und Leistungsfähigkeit von Open-Source-Software und offenen Standards.

Freie Software im Katastropheneinsatz

Für die Helfer vor Ort braucht das Katastrophenmanagement der UN innerhalb kürzester Zeit genaue und aktuelle Straßenzustandskarten mit Informationen über Hindernisse, Gefahrengebiete und noch vorhandene oder zerstörte Infrastruktur. Das freie Kartenprojekt Openstreetmap (OSM, [2]), auf dem auch Openrouteservice basiert, soll helfen.

Aber die Qualität der Daten des haitianischen Verkehrsnetzes erweist sich als größeres Problem. Die Openstreetmap-Karten für das Gebiet des Entwicklungslandes in der Karibik stellen sich als unzureichend heraus, ganz im Gegensatz zu europäischen Metropolen und manch anderen Städten in der Dritten Welt (Abbildungen 1 und 2).

Abbildung 1: Im Community-Projekt Openstreetmap kartieren Freiwillige die Welt. Die Qualität der Daten ist in ländlichen Regionen und Entwicklungsländern wie Haiti noch eher mäßig.

Abbildung 2: In Industrieländern und vor allem deren Metropolen sind dagegen flächendeckend auch Fußwege und zahlreiche Details wie Einbahnstraßen erfasst, wie das Beispiel Bonn zeigt.

Glücklicherweise finden sich bei einer Umweltorganisation qualitativ ausreichende Daten über das Straßennetz, die das UN-Team dank offener Standards ohne Umwege über den freien Kartendienst manuell in die Datenbank von Openrouteservice (Abbildung 3) laden kann. Mehrere NGOs wie Cartong.org [3] beteiligen sich jetzt an der weiteren Datenerhebung und -analyse und stellen ihre Ergebnisse den Hilfsorganisationen zur Verfügung.

Abbildung 3: Der freie Routingdienst Openrouteservice verwendet Openstreetmap-Karten für detailreiche Funktionen. Helfer in Haiti planen damit ihre Fahrten mit ständig aktuellen Daten über die Schäden an der Infrastruktur.

Der Lehrstuhl Kartographie des Geographischen Instituts der Universität Bonn realisiert dann über Openrouteservice den dringend benötigten Routenplaner, der für die mobilen Einsatzteams vor Ort ständig aktualisierte Informationen über Erreichbarkeit und Befahrbarkeit einbeziehen muss.

In Haiti pflegen die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen die Problemgebiete über die Weboberfläche als Geodatensätze selber in eine von der Uni Bonn bereitgestellte Geodatenbank ein. Die Routenplanung für die Helfer vor Ort berücksichtigt so etwa unpassierbare Gebiete automatisch. Rückmeldungen aus Haiti bestätigen, dass der Dienst schon als Prototyp eine wertvolle Hilfe für die Arbeit vor Ort leistet.

Mit Daten vom Anwender: Mobile Routenservices

Möglich ist dies, weil in den Industrieländern Navigationsgeräte und mobile Kartenanwendungen boomen und moderne Kartensysteme wie Openstreetmap ein Massenphänomenen geworden sind. Typisch fürs Web 2.0 stehen sie ganz im Zeichen des User-generated Content: Fleißige Anwender kartieren, korrigieren und kommentieren die Daten der Wege, Straßen und Gebäude, nicht nur vor ihrer eigenen Haustür.

In Großstädten erreicht Openstreetmap damit schon heute einen deutlich höheren Grad an Details und Genauigkeit als die kommerziellen Pfadfinder Google Maps oder Map24, die den Trend vor einigen Jahren lostraten. Der Vergleich der Abbildungen 2 und 4 zeigt in Openstreetmap Fußwege, Einbahnstraßen und Objekte wie U-Bahnstationen und Fährverbindungen, die bei Google fehlen.

Für den Anwender liegen die Vorteile freier Kartendienste auf der Hand: Qualitativ hochwertige, aktuelle Daten sind kostenlos verfügbar und fast beliebig nutzbar.

Abbildung 4: Für deutsche Städte typisch: Rund um den Hofgarten in Bonn zeigt Google Maps deutlich weniger Details als das freie Pendant Openstreetmap. Auf dem Land oder in der Dritten Welt liegt jedoch meistens Google vorn.

Eigene oder fremde Daten lassen sich, wie das Beispiel Haiti zeigt, meist über offene Standards unkompliziert einbinden. Dabei stellen Lizenzen wie die bei OSM gültige Creative Commons Share Alike [4] die in Europa vorherrschenden Geschäftsmodelle auf den Kopf und öffnen neue Spielräume für Innovationen.

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