Open Source im professionellen Einsatz

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Zwischenruf: Was kommt nach Linux?

Wie geht's weiter?

Ist Linux zum langweiligen Alltag geworden? Warum kommt das freie Betriebssystem ausgerechnet aus einem abgelegenen Winkel wie Finnland? Und wie geht es weiter? Ein Blick über den Bildschirmrand.

"Hello everybody out there using minix - I\'m doing a (free) operating system ..." Es ist fast eine Ewigkeit her, dass Linus dieses Posting (Abbildung 1) in die Welt gesetzt hat - eine Ewigkeit zumindest für die IT-Welt.

Abbildung 1: Mit diesem Posting an eine Minix-Newsgroup – hier die Kopie im Google-Archiv – machte Linus Torvalds die Linux-Entwicklung im Jahr 1991 öffentlich.

Abbildung 1: Mit diesem Posting an eine Minix-Newsgroup – hier die Kopie im Google-Archiv – machte Linus Torvalds die Linux-Entwicklung im Jahr 1991 öffentlich.

Linux-Historie

Damit schlägt die Stunde der Geschichtsschreiber. Die, die dabei gewesen sind, wollen ihre Geschichten loswerden, die Historiker suchen darin nach Strukturen und schreiben sie auf. Sie machen sich nur über eine Sache her, wenn sie sich gewissermaßen gesetzt hat. Da die Gründer irgendwann wegsterben, müssen die Historiker sich beeilen. Ich bin so eine Art Historiker, Entwickler war ich nie.

Meine These ist ganz einfach: Linux ist so eine Sache, die sich gesetzt hat. Es ist Zeit nach den Antrieben und Strukturen zu fragen, die das bewirkt haben. Und dann stelle ich eine Frage, die die richtigen Historiker nicht weiter interessiert: Wie soll es weitergehen?

In meiner Berliner Umgebung gibt es einen Freund und Kollegen, der dabei war. Ich nenne ihn der Einfachheit halber Robert. Robert erinnert sich: "1991 musste ich in meinem Programmier-Praktikum Multitasking-Systeme programmieren. Irgendwie war ich zu dieser Zeit schon entschlossen auf Unix zu setzen, was damals noch keine Selbstverständlichkeit war. Ein Freund von mir hatte über Ecken von Linus\' Posting gehört. Dann kam er mit dem Produkt unseres finnischen Kommilitonen auf Disketten, das Internet war damals noch nicht in unserer Reichweite. Leider ein Flop, es tat sich nichts. Ziemlich zur selben Zeit gab mir ein Mitarbeiter der Buchhandlung Lehmanns abermals viele Disketten. Diesmal haben wir das System nach einigem Hin und Her zum Laufen gekriegt."

Ich frage Robert, wann er sich der Idee um Linus angeschlossen hat. "Ich könnte zu den ersten eintausend Nutzern gehören. Ganz sicher aber gehöre ich zu den ersten paar Tausend in der Welt", sagt er. Auf die Frage, was ihn heute mit Linux verbindet, antwortet Robert zunächst nüchtern: "Ich träume davon, wieder mein Linux zu benutzen. In dem Projekt, in dem ich im Augenblick arbeite, benutzen alle Windows. Ich auch, das macht das Leben einfacher. Sobald ich kann, steige ich wieder um."

Am Ende des Gesprächs wird Robert dann aber doch prinzipieller: "Linux war ein Türöffner für vieles, was heute alltäglich ist, ich denke an Firefox, Wikipedia, auch die Creative-Commons-Initiative von Lawrence Lessig (Abbildung 2). Nicht zuletzt hat Linux der nicht immer konsistenten Gedankenwelt von Richard Stallman eine pragmatische technologische Basis gegeben."

Abbildung 2: Linux bereitete mit seiner Bekanntheit den Weg für weitere Projekte, etwa die Creative Commons des Juristen Lawrence Lessig.

Abbildung 2: Linux bereitete mit seiner Bekanntheit den Weg für weitere Projekte, etwa die Creative Commons des Juristen Lawrence Lessig.

Selbstverständlich

Nach dem Gespräch mit Robert habe ich meine heutigen Studenten an der TU gefragt, was Linux ihnen bedeutet. Sie fanden die Frage zunächst ziemlich merkwürdig, bis dann klar wurde, wo das Problem liegt: Linux ist ganz einfach da - jeder benutzt es. Natürlich benutzt auch jeder das Netz, aber eigentlich alle beschäftigen sich mit ganz anderen Fragen. Es ist wohl so: Linux ist Alltag, zumindest in einer Universität. Über Alltag redet man nicht groß, den hat man.

Diese kurze Geschichte - ehrlicherweise sind es ja doch meist Geschichten, die einem zur Vergangenheit einfallen - hält für einen Uni-Menschen wie mich die eine oder andere Kränkung bereit. Es sind Studenten und andere Neugierige gewesen, die das Neue in die Welt gesetzt haben. Wir Professoren haben nicht immer eine rühmliche Rolle gespielt.

Auch die Uni selbst war nicht die Arena, in der die Musik gespielt hat. In Berlin zum Beispiel war es ja offensichtlich eine Buchhandlung mit technisch interessierten Mitarbeitern, die den Ton angab. Der Unterschied zur Ära vor Linux war gewaltig: Die Leute sahen anders aus und verhielten sich auch anders. Das waren nicht mehr die dunkel betuchten Typen aus der Welt der Mainframe-Giganten, sie kooperierten ohne besondere Hierarchien der Macht - flach würde man heute wohl sagen -, ihre Mittel der Koordination waren nur ganz am Anfang Disketten, dann schon bald das Netz.

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