Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 01/2009
© charliemain, Fotolia .com

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Ökonomie von Business-Open-Source-Software am Beispiel ERP

Ins kalte Wasser

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Betriebswirtschaftliche Wirkmechanismen lassen sich auch auf Business-Software selbst anwenden. Forscher der TU Darmstadt haben das anhand der Ökonomie freier ERP-Lösungen untersucht. Von ihren Ergebnissen profitieren IT-Verantwortliche.

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Betriebswirtschaftliche Anwendungen unterscheiden sich von Servern und Netzdiensten. In diesen system- oder entwicklungsnahen Bereichen ist Open-Source-Software längst zum Standard geworden. Es stellt sich die Frage, ob und inwieweit die Open-Source-Idee auch dafür geeignet ist, betriebswirtschaftliche Standardsoftware zu entwickeln und zu vermarkten. Damit würde sie ein Wettbewerber für etablierte Software-Anbieter (siehe Abbildung 1). Existierende Business-Open-Source-Software (BOSS) zeigt Tabelle 1 im Überblick.

Abbildung 1: Im Gegensatz zu proprietären Software-Angeboten besteht bei Softwareprodukten nach dem Open-Source-Prinzip die Herausforderung darin, den Dreiklang zwischen Kunde, Anbieter und Community zu harmonisieren.

Umfangreiches Angebot

Um diesen neuen Wettbewerber auf dem Softwaremarkt zu verstehen, lohnt es sich, die Geschäfts- und Erlösmodelle des Ansatzes zu untersuchen. Anwender erhalten so die Möglichkeit, die Chancen und Risiken von BOSS besser einzuschätzen. Ökonomische Theorien helfen schließlich zu analysieren, unter welchen Bedingungen Open Source auch bei betriebswirtschaftlicher Software zur Erfolgsgeschichte wird.

Die Tabelle 1 listet zehn produktive, in unterschiedlichen Sprachen verfügbare BOSS-Lösungen auf. Eine wichtige Sparte davon sind ERP-Systeme (Enterprise Ressource Planning) - also solche, die eine Vielzahl betriebswirtschaftlicher Funktionen von der Finanzbuchhaltung über das Controlling bis hin zur Produktionsplanung abdecken (siehe Abbildung 2). Reine Frameworks wie etwa OFBiz [1] beachtet die Aufstellung nicht. Ebenso unberücksichtigt bleiben Open-Source-Projekte, die lediglich einzelne Funktionen unterstützen, etwa die Finanzbuchhaltung Gnucash [2], das Projektmanagement Openproj [3] oder das Customer-Relationship-Management Sugar CRM [4].

Abbildung 2: Software zum Enterprise Ressource Planning deckt die Kernbereiche betrieblicher Belange ab, meist mit separaten Modulen und unter einer einheitlichen Oberfläche.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass hinter den dargestellten Open-Source-Angeboten zum Teil völlig unterschiedliche Philosophien stehen. Manche Systeme, etwa Adempiere und Web ERP, treibt hauptsächlich das Engagement der Community von freien Entwicklern voran. Sie bieten lediglich eine Version der Software an, die sie auf Basis der GPL-Lizenz offerieren. Kostenpflichtige Services vermarkten ausschließlich Drittanbieter.

Tabelle 1: Ausgewählte
ERP-Systeme auf Basis von Open Source

Individuelle Lizenzmodelle

Andere Anbieter sind eher kommerziell ausgerichtet. Wesentlicher Bestandteil aller Geschäftsmodelle dieser Anbieter ist das Konzept unterschiedlicher Kosten (siehe Kasten "Preisdifferenzierung").

Dabei koppeln Anbieter wie ERP5 Express, Openbravo, Open ERP und SQL-Ledger ihre ERP-Systeme mit eigenen, kostenpflichtigen Diensten. Eine Differenzierung erfolgt über einen unterschiedlichen Umfang an Dienstleistungen, etwa Support, Schulung und Wartung. Andere Anbieter wie Compiere bieten sowohl differenzierte Softwarelösungen als auch Servicepakete selbst an. Darüber hinaus ergänzen externe Dienstleister das Serviceangebot der betrachteten Systeme.

Die Basisversionen der BOSS-Lösungen stellen Hersteller meist unter Open-Source-Lizenzen bereit. Anders sieht dies bei den erweiterten Versionen aus, die sie unter kommerziellen Lizenzen vertreiben. Die Grenzen zwischen Open-Source-Software-Anbietern und klassischen Standardsoftware-Herstellern weichen hier zunehmend auf.

Preisdifferenzierung

Diese in der Software-Industrie, aber auch in anderen Branchen häufig angewendete Strategie bedeutet, dass Hersteller Produkte in mehreren Varianten zu unterschiedlichen Preisen anbieten. Das Ziel der Hersteller besteht darin, die maximalen Zahlungsbereitschaften aller potenziellen Konsumenten abzuschöpfen. Die Preisdifferenzierung kann sich hierbei auf die Funktionalitäten der Software, die Qualität der angebotenen Services oder beides beziehen.

Dass die Kommerzialisierung der Open-Source-Idee für ERP-Angebote nicht problemlos über die Bühne geht, überrascht nicht. Schon seit jeher gibt es Konflikte, wenn es um die Vermarktung von Open-Source-Software geht, wie Volker Grassmuck in seinem Standardwerk zur Open-Source-Ökonomie schreibt [5].

Ein Beispiel aus der BOSS-Welt liefert Compiere. Viele freie Entwickler hatten den Eindruck, dass ihre Beiträge und Bedürfnisse zunehmend unberücksichtigt blieben. Für sie hatte es den Anschein, dass die zahlenden Partner und Kunden von Compiere, Inc., die Zielrichtung des Projekts angeben und nicht die Community. Die Unzufriedenheit wuchs und sie entschieden, das damalige System als eigenständiges Projekt unter dem Namen Adempiere weiterzuentwickeln.

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