MIT-Professor Nicholas Negroponte hat mit seinem Projekt hohe Ziele: One Laptop Per Child zielt darauf ab, Schulkinder weltweit mit günstigen und stabilen Computern zu versorgen, damit sie die Chance erhalten, an der modernen Informationsgesellschaft teilzunehmen. Damit will Negroponte den so genannten Digital Divide verringern.
Doch der XO-1, so heißt der erste in Serie gefertigte Laptop des Projekts (siehe Abbildung 1), hat auch andere Auswirkungen: Er gilt als Vorreiter der Netbook-Geräteklasse und hat diverse technologische Neuerungen eingeführt. Dazu zählen Mesh Networking oder ein Display, das auch in praller Sonne lesbar ist.
Linux-Magazin: Das OLPC-Projekt hat in der letzten Zeit eine Menge Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhalten. Was sind Ihrer Meinung nach die drei wichtigsten Leistungen des Projekts, die dies rechtfertigen?
Nicholas Negroponte: Die Idee, einen Laptop für jedes Kind einzuführen - und ich meine das jetzt im Wortsinn und nicht etwa unser Projekt als solches -, erschien erstens vielen vor zwei Jahren als ziemlich töricht.
Wir haben daher zweitens eine gemeinnützige humanitäre Organisation ins Leben gerufen, die Risiken schultert, die die normale kommerzielle Welt nicht zu tragen bereit ist. Und daher haben wir, drittens, eine ganz neue Klasse von Laptops geschaffen. Zunächst blitzten wir regelmäßig mit unseren Ideen ab, aber heute kopiert jeder unsere Ideen.
Abbildung 1: Der XO-1 ist das bislang bekannteste Ergebnis aus dem Projekt One Laptop Per Child.
"Nur die Hälfte aller Kinder kenntSteckdosen"
Linux-Magazin: Eines der technischen Entwurfsziele des XO ist ein geringer Energieverbrauch. Grüne IT gilt heute als eines der Trendthemen. Lassen sich die Ergebnisse Ihrer Forschung auch auf andere Computer übertragen?
Nicholas Negroponte: Bitte bedenken Sie, dass unsere Anstrengungen für geringen Energieverbrauch weniger auf Green IT zielen, als mehr auf die Energie, die der menschliche Körper eines einigermaßen wohlernährten Kindes erzeugen kann. Weniger als die Hälfte aller Kinder auf der Welt haben zu Hause oder in der Schule regelmäßigen Zugang zu Strom. Geringere Stromaufnahme ist viel schwieriger zu erreichen, als die Kosten des Geräts zu senken. Die Grenze dafür liegt bei 1 bis 2 Watt. Mehr geht ohne Steckdose einfach nicht.
Linux-Magazin: Der Bildschirm des XO-Laptops hat eine Reihe von grundlegenden Innovationen eingeführt. Was sind seine wichtigsten Eigenschaften?
Nicholas Negroponte: Er hat zwei Modi, einen reflektierenden und einen durchlässigen (siehe Abbildung 2). Der Farbmodus arbeitet wie ein klassischer Flachbildschirm, über dem in diagonaler Anordnung ein Farbfilter liegt. So entstehen die einzelnen Bildpunkte. Bei direkter Sonneneinstrahlung hingegen sorgt der reflektierende Modus dafür, die Bildpunkte anzuzeigen. Damit erreichen wir einen höheren Kontrast als die meisten handelsüblichen Laptop-Bildschirme.
Abbildung 2: Das Display des XO-Laptop gilt als einzigartig. Es beherrscht zwei Modi: In der durchscheinenden Betriebsart hat es eine Auflösung von 800 mal 600 Bildpunkten. Reduzieren die benutzenden Kinder die Helligkeit der Hintergrundbeleuchtung, schaltet der Bildschirm in den monochromen reflektierenden Modus um. Er lässt sich auch noch bei prallem Sonnenlicht lesen, hat 200 dpi und eine Auflösung von 1200 mal 900 Pixel. Das Display verbraucht dann nur noch 0,1 Watt.
Linux-Magazin: Bei manchem entsteht der Eindruck, als ob ein Großteil der Entwicklungsarbeit beim XO in eine kleine Zahl von Komponenten geflossen ist, in das Netzwerk und den Bildschirm etwa. Andere scheinen hingegen ein wenig vernachlässigt worden zu sein.
Nicholas Negroponte: Wir hören häufig, dass jedes neue Produkt immer nur ein Wunder vollbringen könne. Wir hingegen hätten versucht, gleich zehn davon in den XO einzubauen. Insofern haben Sie recht. Es gibt 50 weitere Dinge, die wir hätten tun können. Wir haben uns aber bewusst eingeschränkt und nicht gleich alles neu erfunden. Die größte Schwäche des OLPC ist vielleicht, dass wir zu viele Barrieren gleichzeitig durchbrochen haben.
Linux-Magazin: Das OLPC ebnet den Weg für eine Generation von kleinen und kostengünstigen Computern, auch wenn ihre Hersteller sie nicht gerade für Kinder in Entwicklungsländern vorsehen. Nützt das Ihrem Projekt oder schränkt es Ihre ursprünglichen Ziele eher ein?
Nicholas Negroponte: Es hilft, weil es so mehr erschwingliche Laptops für die Bevölkerung zu kaufen gibt, darunter Kinder. Es ist jedoch gleichzeitig wenig hilfreich, wenn einige Unternehmen vorgeben an einer grundlegenden Ausbildung der Kinder interessiert zu sein. Die Vorstellung, dass eine Marketingabteilung neue Lernmodelle entwickelt, ist mindestens einmal anstößig. Kinder sind für diese Unternehmen ein bloßer Markt und keine Berufung.
Linux-Magazin: Anders als die meisten typischen IT-Projekte umfasst die Arbeit des OLPC neben dem Feld der Technik auch die der Politik und der Ökonomie. Welches bedeutet für Sie die größte Herausforderung? Hat Sie ein Aspekt enttäuscht?
"Die meisten politischen Versprechenenttäuschen"
Nicholas Negroponte: Das wichtigste Problem ist immer das, dem man gerade unmittelbar ausgesetzt ist. Alle drei Felder spielten wichtige Rollen zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Ländern und in verschiedenen Stufen des Verständnisses der Ziele von OLPC in der Welt. Ich bin beständig von Aussagen enttäuscht, die Leute nur aus politischen Gründen machen. Ich vergesse aber offenbar immer wieder, dass für manche der Zweck schon durch die Aussage selbst erfüllt ist. Sie sehen aber dann keine Veranlassung, eine solche auch umzusetzen.
Linux-Magazin: Die Rolle des Betriebssystems beim XO-Laptop wurde leidenschaftlich diskutiert. Wie wichtig sind für Sie kostengünstige Lizenzgebühren, die Möglichkeit, weitverbreitete Softwareprodukte zu verwenden, die Unabhängigkeit von einzelnen Herstellern und die Eignung des Geräts für jüngere Kinder?