Open Source im professionellen Einsatz

Chrome: glänzend

Google ist eine Erfindungsmaschine – alle paar Wochen produziert sie einen neuen Dienst oder ein praktisches Stück Software, das Meiste für uns User kostenfrei. Neue Schnittstellen für Programmierer gibts gleich mit dazu. Während andere Firmen noch über die Investionssumme und mögliche Erlösmodelle eines Infoangebots sinnieren, stellt es Google schon ins Netz.

Gerade erweitert der Konzern sein „News Archive“ um Original-Scans von US-Zeitungen, die Blätter anderer Länder sollen folgen. Früher war der Dienst kaum mehr als eine Linksammlung zu Online-Artikeln. Ab sofort sieht man die Artikel wie sie mal aus der Druckerpresse gekommen sind. Das beste: Die Zeitungsseiten sind wie bei „Google Buchsuche“ im Volltext durchsuchbar. Für uns Leser ist das klasse, die Verlage sind weniger begeistert. Die Aussicht, etwas von den dort auflaufenden Werbeeinnahmen abzubekommen, wird aber ausreichend viele Blätter von den Chancen des Dienstes überzeugen.

Für Google ist das Scannen, Speichern, Sichten und Katalogisieren sowieso Alltagsgeschäft: Angefangen hat's mitt Webseiten, dann kamen Straßenkarten und Satellitenbilder dazu, später der Himmel, neue Bücher und alte Folianten, nun auch Straßenzüge. Dass Google-Autos im US-Landkreis Sonoma County und andernorts mehr als hundert private Straßen mit „No Trespassing“-Schildern vorbei an bellenden Wachhunden befuhren und Fotos machten – was soll's?! Der Spähtrupp hatte zuvor keine Auskunft über private Straßen eingeholt, das würde das Straßenansichtsprojekt zu sehr verzögern, sagte das Unternehmen anschließend einer Zeitung. Das Haus von Erbtante Erna ab und zu im Internet anzuschauen, macht doch Vorfreude.

Da aber niemand – nicht mal Google – Häusern, Fahrtrouten, Büchern, Zeitungen und Sternen zielgruppengerechte und gut bezahlte Werbung vorsetzen kann, muss die Erfindungsmaschine noch mehr scannen, speichern, sichten und katalogisieren. Was könnte wohl das marketingaffine Target sein? Genau: Sie und ich und viele Millionen anderer Google-User. Alle unsere Suchbegriffe auf Googles Website liegen künftig neun Monate in deren Datenbanken. Wer glaubt, das sei lange: Bisher sind es 18 Monate – die EU-Kommission hatte die Verkürzung durchgedrückt. Bis März letzten Jahres speicherten die Amerikaner volle zwei Jahre.

Den Google-Browser Chrome gibt es bislang nur für Windows. Als freie Software propagiert, fiel er anfangs nur durch seine falsch formulierte EULA auf. Die Wartezeit bis zur nativen Linux-Version vertreiben einem die Berichte über zuordenbare IDs und getippte URLs, die der Browser 1:1 an Google überträgt. Das BSI in Deutschland warnt in ungewohnt deutlichen Worten vor Googles jüngster Erfindung. Linuxer, die Bedenken haben, durch den Gebrauch des falschen Browsers bei Google zu wenig Daten zu hinterlassen und dadurch an Internetbedeutung einzubüßen: Es gibt doch Google Mail, die Picasa Web-Alben, Youtube, Google Kalender oder „Text & Tabellen“. Was vergessen? Klar, die Desktop-Suche zum Beispiel und ...

Mit Verizon verhandelt die Firma gerade über eine „weitreichende Partnerschaft“ bei der Suche auf Mobiltelefonen. Das Telekom-Unternehmen ist noch irritiert, weil Google alle Suchergebnisse auswerten will. Mich wundert, warum sich die Telefonfirma wundert. Denn wer mühevoll eine perfekte Info-Flatrate zu zwei Dritteln aller PCs etabliert hat, will natürlich die gleiche Menge Handys zur Datenkrake verschalten.

„Google ist beim Datenschutz auf dem Stand, an dem sich Microsoft vor zehn Jahren befunden hat“, sagt Peter Cullen, Chief Privacy Strategist bei Microsoft in einem Interview. Ich meine, dass der Mann seinem Arbeitgeber Unrecht tut. Redmond war nie so erfinderisch.

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Ausgabe 07/2013

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