Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 09/2008

Der XML-Dialekt KML wird freier OGC-Standard

Google befreit KML

Raj Singh ist Direktor des Interoperability-Programms des OGC und für Standards wie KML zuständig. Im Interview erklärt der am MIT Promovierte, warum auch Google freie Standards schätzt.

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Die Neugier der Menschen macht\'s möglich: Die Anzahl der Downloads von Seiten wie Google Earth Hacks [1], Kugelerde [2], Earth Dots [3] oder im KML-Wiki [4] explodiert förmlich. Earth Hacks will schon über 11 Millionen Downloads seiner 24000 KML-Dateien verzeichnet haben. Da finden sich 3D-Modelle ganzer Städte neben historischen Stadtplänen (Abbildung 1), wissenschaftlichen Auswertungen (Abbildung 2), Einfamilienhäusern, Sehenswürdigkeiten und Katastrophen.

Der XML-Dialekt zur Beschreibung von Geodaten ist das Standardformat für Google Earth und Konsorten, und seit April auch ein freier, offener Standard. Das Linux-Magazin hat Raj Singh, Direktor des Interoperabilitätsprogramms des Open Geospatial Consortium (OGC, [5]), befragt, was sich Google davon verspricht und was die Benutzer erwarten können.

Abbildung 1: Die historische Karte zeigt München nach dem ersten Weltkrieg, eingebettet in eine KML-Datei.

Was hat Google vor?

Linux-Magazin: Raj, wie kam der Deal mit Google zustande?

Raj Singh: Das OGC hat Google schon länger bedrängt, KML mit unseren Standards zu harmonisieren. Vor allem seit mehr und mehr unserer Mitglieder begannen, KML in professionellen Umgebungen einzusetzen, und der Bedarf, klassische GIS-Software und -Daten mit KML zu integrieren, entsprechend zunahm (siehe Kasten "Googles KML-Chronik").

Der Deal selbst kam dann aber recht schnell zustande. Vertreter von Google besuchten Ende 2006 eines unserer Meetings und gaben bekannt, dass sie die Absicht haben, KML zu einem offenen, freien Standard zu machen, den das OGC federführend weiterentwickeln sollte. Fast das ganze Jahr 2007 waren wir damit beschäftigt, Dokumente zu überarbeiten und alle Bestandteile zu entfernen, die bei einer Veröffentlichung eventuell geistiges Eigentum oder Rechte Dritter verletzen könnten. Ende des Jahres hatten wir den Standard dann fertig.

Linux-Magazin: Und was bezweckt Google?

Raj Singh: Das größte Ziel von Google bei der Geschichte ist es, die Industrie dazu zu bewegen, KML als massentaugliches, leichtgewichtiges Geodatenformat anzunehmen. Es kann zwar nicht mit der Geography Markup Language (GML, [6]) mithalten, vor allem wenn es um ausgeklügelte, professionelle räumliche Darstellungen geht. Mit KML sind weder strenge Typisierungen noch die Beschreibung komplexer Kurven möglich und es lassen sich auch keine Beziehungen zwischen Objekten modellieren. Koordinatensysteme, die viele offizielle Stellen verwenden, stehen nicht zur Verfügung, weil KML nur Länge und Breite kennt.

Aber wer nur seine Lieblings-Joggingroute oder den traumhaften Wanderweg im Internet mitteilen will, für den ist KML ein großartiges Format. Mit zunehmender Verbreitung von KML-basierten räumlichen Daten wird Google auch sein Kerngeschäft anpassen und spannende Dinge im Zusammenhang mit räumlichen Funktionen anbieten. Davon profitieren nicht nur Google, sondern wir alle, weil es einfacher wird, zum Beispiel Sachen in unserer unmittelbaren Nähe zu finden.

Linux-Magazin: Warum gerade das OGC?

Raj Singh: Das OGC ist die wichtigste Standardisierungs-Organisation der Welt. Wir veröffentlichen eigene Standards, helfen bei Fragen rund um die ISO-Standards - soweit sie räumliche Fragestellungen betreffen - und wirken bei ihrer Erstellung und Anpassung mit.

Darüber hinaus arbeiten wir daran, die ausgereifteren OGC-Standards mit ISO-Zeritifikaten zu versehen. Wir sitzen auch in verschiedenen Gremien, um sicherzustellen, dass auf der ganzen Welt möglichst einheitlich mit Geodaten umgegangen wird. Dazu gehören das World Wide Web Consortium, die IETF, OASIS und viele andere.

Aber einer der Hauptgründe, warum Google das OGC ausgewählt hat, ist unsere starke Verbindung zur Open-Source-Welt. Auch der Suchmaschinen-Riese hat bemerkt, dass freie Software in den letzten Jahren erwachsen wurde und Unternehmen sie auch in kritischen Bereichen einsetzen. Das OGC hat immer schnell reagiert, die Community eingebunden und wertvolles Know-how in die Standardisierungsprozesse fließen lassen.

Linux-Magazin: Wie frei sind OGC-Standards?

Raj Singh: Alle unsere Standards sind völlig frei und kostenlos. Mehr noch, auch jede Implementierung ist frei und vollkommen unabhängig von Patenten. Freier geht es nicht.

Linux-Magazin: Mit welcher Software erstelle ich KML-Dateien? Gibt es Linux-Software, die KML beherrscht? Auch für den Desktop?

Raj Singh: Der Standard ist nur die ausführliche Definition eines XML-Formats, jeder kann direkt loslegen und im Editor KML-Dateien erstellen und diese in Google Maps oder Earth betrachten, auch auf Linux. Auch die kommerziellen Web-basierten Dienste Google Maps Mymaps und Microsoft Virtual Earth können Daten als KML-Dateien exportieren und importieren. Aber richtig interessant wird es mit den verfügbaren freien Tools. Da gibt es Mapbender [13], Openlayers [14], Mapufacture [15] und den mächtigen Geoserver [16].

Entwickler finden in der Libkml [17] den idealen Ausgangspunkt. Sie ist in C++ geschrieben, Bindings gibt es über den Simplified Wrapper and Interface Generator (SWIG) für Java und Python.

Linux-Magazin: Unterstützt KML 3D-Objekte?

Raj Singh: Ja. KML beherrscht x-, y- und z-Koordinaten, nichts hält davon ab, simple 3D-Objekte zu bauen. Ich rate allerdings davon ab, KML hier für wissenschaftliche Zwecke zu verwenden, schon allein weil die z-Achse, die in KML die Höhe darstellt, nicht klar definiert ist. Da ist offen, ob sich die Werte auf Meereshöhe oder auf die Höhe über dem Boden beziehen. In Fällen, wenn dies eine Rolle spielt, ist GML doch der geeignetere Standard.

Abbildung 2: In der Karibik war die Hurricane-Saison 2005 eine der härtesten der letzten Jahrzehnte.

Was die Zukunft bringt

Linux-Magazin: Wie geht es weiter?

Raj Singh: Im ersten Schritt galt die Priorität der Integration von KML in professionellen geografischen Informationssystemen. Jetzt kommt der Massenmarkt dran, wir unterstützen die Entwicklung von KML-Mapping-Tools für mobile Geräten und das Web. Ich persönlich hätte es gerne, wenn KML eine Art populäres Mashup-Format würde und Webplattformen wie Yahoo! Pipes entstünden.

Googles KML-Chronik

Drei Jahre behielt Google den KML-Standard für sich. Erst 2004 hatte der Webgigant den Entwickler des XML-Dialekts, die Keyhole Corporation übernommen. 2006 trat Google dem OGC bei. Zu diesem Zeitpunkt war es wohl schon das Ziel, KML freizugeben, offiziell angekündigt wurde dies aber erst im April 2007, als Google versprach, KML dem OGC zu übergeben.

Im September 2007 veröffentlichte das Konsortium das KML 2.2 Best Practice Paper [7], seit April 2008 ist KML ganz offiziell ein freier Standard unter dem Dach des OGC [8]. Google hat immer schon für exzellente Dokumentation gesorgt, sowohl das Tutorial [9] als auch Reference [10] und Schema Documents [11] und die KML-API-Referenz [12] sind geeignete Anlaufstellen für interessierte Programmierer.

Infos

[1] Google Earth Hacks: [http://www.gearthhacks.com/downloads]

[2] Kugelerde: [http://www.kugelerde.de/downloads.php]

[3] Earth Dots: [http://www.earth-dots.de]

[4] KML-Wiki: [http://www.kmlwiki.de]

[5] Open Geospatial Consortium: [http://www.opengeospatial.org]

[6] Gegraphy Markup Language: [http://www.opengeospatial.org/standards/gml]

[7] OGC KML 2.2 Best Practice: [http://portal.opengeospatial.org/files/?artifact_id=23689]

[8] KML Standard beim OGC: [http://www.opengeospatial.org/standards/kml]

[9] Googles KML-2.1-Tutorial: [http://code.google.com/apis/kml/documentation/kml_21tutorial.html]

[10] KML 2.2 Reference Document: [http://code.google.com/apis/kml/documentation/kml_reference.html]

[11] KML-2.2-Schema: [http://code.google.com/apis/kml/schema/kml22beta.xsd]

[12] Referenzdokumentation zu Googles KML- API: [http://code.google.com/apis/kml/documentation/kmlreference.html]

[13] Arnulf Christl, "Geoportale mit freier Software": Linux-Magazin 07/08, S. 76

[14] Openlayers: [http://openlayers.org]

[15] Mapufacture: [http://mapufacture.com]

[16] Geoserver: [http://geoserver.org]

[17] Libkml: [http://code.google.com/p/libkml]

[18] Markus Feilner, "Kein Haus für Linux - Virtuelle Realitäten in Google Earth": Linux-Magazin 07/08, S. 58

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