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Seit die dritte Desktop-Dimension erschlossen ist, sprießen Vorschläge zur Neugestaltung alter Bedienkonzepte: Wenn Gnome 3.0 eines Tages geboren wird, könnten die Menüs kreisförmig sein und neben Anwendungen auch Dateien enthalten.

3D-Desktops wie Compiz oder Beryl galten noch vor zwei Jahren vielen als Spielerei, die sinnvoller Arbeit eher im Weg steht. Skeptikern zum Trotz möchten die großen Linux-Distributionen dennoch im Vergleich mit Mac OS und Windows Vista nicht hintanstehen. Sie unterstützen dreidimensionale Desktopeffekte inzwischen weitgehend reibungslos.

Ratio vs. Wohlfühleffekt

Wackelnde Rahmen, transparente Fenster, rotierende Würfel beim Umschalten der Arbeitsflächen: Solche reinen Showeffekte wecken Zweifel daran, dass der Anwender mit 3D-Desktops seine Arbeit effizienter schafft. Sie sorgen allerdings zumindest für eine ästhetisch angenehme und fortschrittliche Anmutung der Benutzeroberfläche. Wer sich erst einmal an einen effektvollen Fenstermanager wie etwa Compiz Fusion [1] gewöhnt hat, mag ihn auch ohne messbaren Gewinn nicht mehr missen - er erhöht einfach den Wohlfühlfaktor. Die anderen großen Betriebssysteme Windows Vista und Mac OS X sehen inzwischen ganz ähnlich aus.

Dass der Wabbel-Desktop unter Linux nach dem großen Schub der letzten beiden Jahre den Kinderschuhen entwachsen ist, zeigt sich daran, dass die Einrichtung inzwischen nur noch selten nervenaufreibende Trial-and-Error-Konfigurations-Sessions mit regelmäßigen Crashs voraussetzt. Bleibt man bei der Analogie des Erwachsenwerdens, so wird es Zeit, dass der 3D-Desktop über das Image einer angenehmen, aber nutzlosen Spielerei hinauswächst.

Hier gibt es noch viel zu tun. Die Desktop-Umgebungen KDE und Gnome integrieren Compiz inzwischen zwar, haben ihre Bedienkonzepte dadurch aber nicht grundlegend verändert. Der Frage, wie sich der 3D-Desktop mit den traditionellen Eingabegeräten Tastatur und Maus besser bedienen lässt, haben sich bisher nur wenige gestellt. An dem am zweidimensionalen Desktop orientierten WIMP-Prinzip (Windows, Icons, Menus, Pointers; auf Deutsch: Fenster, Symbole, Menüs, Zeiger) hat sich in den letzen 20 Jahren nichts Wesentliches geändert.

Runde Sache

Aus der Feder von Cole Ansley stammt ein Vorschlag, der die Menüs unter Gnome neu definieren soll. Sein Circular Application Menu [2] versteckt sich nicht mehr in irgendeiner Ecke des Desktops, um bei Bedarf nach und nach auszuklappen. Stattdessen präsentiert es sich in der Mitte des Desktops als über allen Fenstern sichtbares Rad (Abbildung 1). Die Icons des Gnome-Hauptmenüs reihen sich kreisförmig darauf an. Ein Klick auf eines dieser Symbole öffnet ein weiteres Rad, das den Inhalt des entsprechenden Untermenüs darstellt.

Abbildung 1: Hier geht's rund: Der 3D-Desktop bietet neue Möglichkeiten, die es zu testen gilt. Das Gnome Circular Application Menu schlägt zum Starten von Anwendungen eine neue Form vor.

Abbildung 1: Hier geht's rund: Der 3D-Desktop bietet neue Möglichkeiten, die es zu testen gilt. Das Gnome Circular Application Menu schlägt zum Starten von Anwendungen eine neue Form vor.

Das Gnome Circular Application Menu ist für den 3D-Desktop konzipiert und setzt einen Composite-Fenstermanager voraus, der Transparenz ermöglicht. Fehlt dieser, startet das Programm zwar, aber da eine schwarze Fläche den Hintergrund vollständig überdeckt, lässt sich die Software nicht sinnvoll benutzen.

Die Idee für das neue Menükonzept hatte Ansley schon im März letzten Jahres, doch erst zu Weihnachten begann er, sie zu implementieren. Der Quelltext verfügt immer noch nicht über Automake-Komfort. Wer ihn mit manuellem »make«-Aufruf kompilieren möchte, bezieht ihn über Subversion [2].

Interessierte können die Software bereits ausprobieren, ohne dass zu viele Fehler den Spaß trüben. Wer das Circular Application Menu regelmäßig nutzen möchte, sollte eine Tastenkombination damit verknüpfen oder dem Panel ein Icon hinzufügen; ein passendes Symbol hat der Entwickler aber noch nicht entworfen. Andernfalls erfolgt der Start via Kommandozeile, was dem Sinn eines grafischen Menüs aber zuwiderläuft.

Unter Gnome-Entwicklern dient die Version Gnome 3.0 [3] häufig als Projektionsfläche für Ideen wie die vorgestellten runden Menüs. Das liegt daran, dass es sich bei diesem seit Jahren nebenbei diskutierten Versionssprung bisher um nicht mehr als eine Zukunftsvision handelt. Konkrete Pläne für Version 3 der Desktop-Umgebung gibt es nicht, derzeit sehen die Gnome-Entwickler keinen Bedarf für die damit verbundene Neuentwicklung großer Teile des Desktops.

Die offizielle Seite zu Gnome 3.0 führt so zu einer eigens eingerichteten Scratchpad-Homepage (Notizblock, [4]), auf der Entwickler ihre Ideen der Öffentlichkeit präsentieren. Für die meisten der dort vorgestellten Anregungen existiert gar kein Code, sie möchten lediglich einen Diskussionsprozess anstoßen, der Einblicke in die mögliche Zukunft der Desktop-Umgebung bietet.

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