Anders als München gilt Wien als die Stadt des sanften, freiwilligen Umstiegs: Die Stadtverwaltung bietet seit 2005 ihren Mitarbeitern neben Microsoft-Arbeitsplätzen auch das Debian-Derivat Wienux und Open Office an. Von den 32000 Rechner liefen zuletzt rund 1000 quelloffen – das ist nicht viel.
Der größte Linux-Pool, 720 Rechner, findet sich bei Kindergärten und anderen pädagogischen Einrichtungen. Genau die – das wird gerade klar – rollt die Stadt noch 2008 über den Umweg Vista nach Windows XP zurück. Die Umstellung der 720 Wienux-PCs auf XP wird rund 105000 Euro kosten. „Hoit mi net am Schmäh!“ – entfährt's einem da.
Was geht vor in dieser Stadt, die große Söhne und Töchter in einer Menge hat, auf die ganze Länder stolz wären? Um es zu begreifen, muss man sich in die Niederungen der praktischen Politik begeben. Bund und Länder in Österreich hatten nach langen Verhandlungen Ende Februar vereinbart ab Juni die Sprachförderung im letzten Kindergartenjahr zu verbessern. Dazu bedarf es so genannter Screenings, bei denen Kindergärtner feststellen, ob ein Kind Förderung braucht. Die entsprechenden Informationen tragen sie via Browser in ein Verwaltungssystem ein, das die Rostocker Firma ISM entwickelt hat.
Die Software heißt Bi-Cube LC und erweitert die seit einigen Jahren eingesetzte „Schülermatrik“. Wie sich – zu spät – herausgestellt hat, läuft das Ganze nur im Internet Explorer. Die zuständige Dienststellenleiterin, Christine Spieß, lässt sich mit den Worten zitieren: „Der Auftrag war schon draußen, als wir erfahren haben, dass die Software Bi-Cube LC unter Wienux nicht nutzbar ist.“ Dem Wiener Pragmatismus tief zugetan, schiebt Spieß nach: „Wir sind froh, dass jetzt alles funktioniert.“ Einen nachträglichen Auftrag, Bi-Cube LC plattformneutral umzuprogrammieren, was laut ISM etwa 200 Manntage Arbeit bedeuten würde, erteilt sie nicht. Wer sich den Spruch nicht merken konnte: „Hoit mi net am Schmäh!“
Die darüber Aufsicht führende Politik sieht's locker: „Wienux ist nicht weg vom Fenster. Die Stadt Wien setzt seit 20 Jahren Open-Source-Software ein und wird das auch weiterhin tun“, erklärte der SPÖ-Gemeinderat Siegfried Lindenmayr gegenüber dem ORF. Stimmt, denn nach der Remigration werden in den Wiener Verwaltungen von den 32000 noch 280 PCs ausschließlich mit Linux laufen.
Was die Ordnung anbelangt, hat sich alles Gott sei Dank
fast wie ganz von selbst ergeben, denn die starke Hand siegt eben,
hält die Märchenwelt beisammen und die Räuber sind gefangen.
Für die Zukunft sei gesagt, sicher kommt mal wer und fragt,
was die Jungwähler so denken, über Kräfte die sie lenken.
Aus dem Lied „Auf der Flucht“ von Falco, 1982.