Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 07/2008

Freie Software fürs Marketing und das "Open Source Jahrbuch 2008"

Tux liest

Der Begriff Open Source ist ein Schlager. Ein neues Buch preist nun auch die quelloffene Software selbst als Wundermittel fürs Marketing. Das "Open Source Jahrbuch 2008" dagegen nähert sich seinem Thema mit dem kritischen Blick der Wissenschaft. Das Linux-Magazin stellt beide vor.

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Bösartige Zeitgenossen könnten einwenden, in der Buzzword-Kette "Guerilla-Marketing mit Open-Source-Tools" fehle nur noch das inflationäre Web 2.0. Doch das so benannte Buch ist ein interessanter Versuch, zwei Trends zu kombinieren, die gerade bei kleineren Firmen mit schmalem Budget beliebt sind: Alternative Werbeformen und freie Software.

Marketing 2.0

Info


Sascha Langner, Holger Reibold:

Guerilla-Marketing mit Open-Source-Tools

Bomots, 2008

260 Seiten, 20 Euro

ISBN 978-3-939316-29-9

Nach einer knappen Vorstellung typischer Aktionen der Marketing-Guerilleros gehen die Autoren Sascha Langner und Holger Reibold bereits zur Software über und stellen für jede Marketing-Tätigkeit ein passendes Programm vor, meist seit Jahren bewährte Software: Freemind fürs Mindmapping, Bloggen mit Wordpress und Joomla als Content-Managementsystem für die Website.

Auch ein Trouble-Ticket-System kann dem Marketing dienen, da zufriedene Kunden Mundpropaganda machen. Hier wählen die Autoren mit OTRS keinen Unbekannten. Anfänger dürften im Ticketing-Kapitel allerdings überfordert sein, denn die Verfasser schicken sie kurzerhand auf die MySQL-Kommandozeile und ins Innere von Perl-Dateien, während die anderen Teile des Buches einsteigerfreundlich an der GUI-Oberfläche bleiben.

Apropos Oberfläche: Bei der Menge an Software, die dieses Taschenbuch vorstellt, entfallen auf jedes Programmpaket nur rund ein Dutzend, maximal 20 Seiten. Das Kapitel zum Anzeigen-Server Openads (kürzlich in Open X umbenannt) beispielsweise ist daher nicht ausführlicher als der "Getting Started"-Teil der Projekt-Homepage. Das Büchlein kann ein umfangreiches Handbuch zu einem täglich verwendeten Programm nicht ersetzen. Aber offenbar will es das auch gar nicht. Es dient eher dazu, geeignete Software zu finden, als dazu, die Programme gekonnt einzusetzen. Daher taugt es am ehesten als Einstieg für neugierige Marketing-Leute, die wissen wollen, was die viel gerühmte Open-Source-Welt für ihre Zwecke zu bieten hat.

Jahrbuch mit Scharfsinn

Info


B. Lutterbeck, M. Bärwolff, R. Gehring (Hrsg.):

Open Source Jahrbuch 2008

Lehmanns Media, Berlin 2008

358 Seiten, 20 Euro

ISBN 978-3-86541-271-3

Das "Open Source Jahrbuch" betrachtet sein Thema auch in der Ausgabe 2008 aus vielen Perspektiven. Das an der TU Berlin entstandene Buch sammelt rund 30 Beiträge von Open-Source-Machern, Journalisten und Wissenschaftlern und zeichnet ein Stimmungsbild aus Industrie und Community im Jahr 2007.

Dafür sorgt nicht nur der Fachjournalist Oliver Diedrich, der sein Vorwort explizit als Jahresrückblick gestaltet. Der Wirtschaftsethiker Thorsten Busch greift den Trend Green IT auf und stellt klar, dass auch in der Datenverarbeitung nachhaltiges Wirtschaften mehr bedeutet, als das Augenmerk auf Energie- und Rohstoffverbrauch zu legen. Er fordert für die benachteiligten Länder, die "E-Losers", Zugang zu Informationstechnologien, wozu Open-Source-Software einen großen Beitrag leisten kann.

Hans-Peter Merkel kann im selben Band bereits von Erfolgen seiner Initiative Linux4Afrika berichten. Sie stattet nicht nur Schulen in Mosambik und Tansania mit Linux-Rechnern aus, sie schult auch die örtlichen Administratoren.

Am spannendsten ist dieses Jahrbuch dort, wo es die Open-Source-Praxis scharfsinnig untersucht, und zwar jenseits der Glaubenssätze, die sich die Community gerne selbst vorbetet. Dazu gehört beispielsweise die Behauptung, freie Software entstehe in einem quasi vollkommenen Wettbewerb, im Gegensatz zur von Monopolisten dominierten Welt der proprietären Software.

Mitherausgeber Matthias Bärwolff zeigt in seinem Beitrag, dass Open-Source-Projekte durchaus Züge eines Monopols aufweisen können, etwa durch die Kontrolle über die Entwickler-Community oder Rechte am Markennamen. Es ist trotz Lizenzen wie der GPL eben nicht so einfach möglich, einem Open-Source-Programm auf seinem eigenen Terrain Konkurrenz zu machen, wie er unter anderem am Fall des Browsers Mozilla Firefox und dessen Derivat Iceweasel zeigt.

Die gesammelten Inhalte aller Jahrbuch-Ausgaben stehen unter [http://www.opensourcejahrbuch.de] zum Download bereit, und zwar zum überwiegenden Teil unter freien Lizenzen.

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