Open Source im professionellen Einsatz

Eier muss man haben

Als eines der wenigen speziell ostfriesischen Kinderspiele gilt das Eierwerfen zu Ostern. Schon sehr früh berichteten Quellen von diesem eigenartigen Brauch aus heidnischer Zeit. Am längsten wohl hat er sich unverfälscht in der Kreisstadt Leer erhalten. Die Regeln sind einfach: Jedes Kind darf ein gekochtes Ei den Hügel herabrollen lassen. Trifft das rollende Ostergeschenk ein anderes Ei, gehört auch dieses dem oben stehenden Kind.

In Ostfriesland sind die Berge knapp und flach, was dem Brauch einen Hauch von Snobismus verleiht. Ob dieser oder die hoffnungsvolle Aussicht, mit jedem Roll-Ei ein zweites Geflügelprodukt zu ergattern, das Eierwerfen zum Exportgut gemacht hat, lässt sich schwer einschätzen. Tatsache jedoch ist, dass der schöne Brauch seit Jahren durch Europa mäandert: So warf jemand 1991 im sachsen-anhaltinischen Halle dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl ein Ei an den Kopf. Dem war die harmlos-ostfriesischen Natur nicht geläufig, wutschnaubend lief er in Richtung des Legebatterien-Attentäters, durchbrach eine Absperrung und begann auf den Mann einzuprügeln.

Heute gehen die Wichtigen dieser Welt entspannt mit Eierwerfern um. Steve Ballmer als Beispiel ging dieser Tage einfach hinter seinem Rednerpult in Deckung, als während seines Vortrages in der Budapester Corvinus-Universität ein Student mit drei Eiern auf den Microsoft-Chef zielte. „Du hast 25 Milliarden Forint vom ungarischen Volk erhalten. Gib das Geld zurück! Sofort!“, rief der Werfer und bezog sich offenbar auf einen 100 Millionen Euro schweren Rahmenvertrag zwischen dem Staat Ungarn und Microsoft, der die Regierung und zahlreiche staatliche Stellen mit Software versorgt.

Wegen seines mangelnden Zielvermögens einerseits und der mittlerweile großen Landläufigkeit des Eierwerfens selbst im etwas abgelegenen Ungarn andererseits gewann der Student außer einem Saalverweis nichts. Weder durfte er Ballmer der alten Tradition folgend behalten, noch musste der die 25 Milliarden Forint wieder hergeben.

Vielleicht ist's aber auch ganz gut, wenn die originalen ostfriesischen Spielregeln heute nicht mehr so strikt eingehalten werden wie früher. Denn Ballmer verfügt möglicherweise über eigene Eier. Bei den Redmondern könnten Spitzenspieler unter Vertrag stehen, solche die am 29. Juni zur Eierwurf-WM in der englischen Grafschaft Lincolnshire antreten.

Ostern 2009 könnte dann die Nürnberger Vereinszentrale der Open Source Business Foundation die Kulisse für einen proprietären Eierroll-Durchmarsch abgeben. Bei den mehr als 120 „renommierten Unternehmen ebenso wie wissenschaftlichen Institutionen und öffentlichen Einrichtungen“ des europäisches Netzwerks ist Microsoft ja gerade Mitglied geworden (Interoperabilität und so).

Die Eier der weniger guten Werfer dürfte die Win-Company behalten. Kleiner Trost: Dem ostfriesischen Brauchtum folgend dürfen hungrige Kinder die Reste der hartgekochten Eier, die beim Hangrollen zu Bruch gehen, aus dem frühlingsfrischen Gras herausklauben und erfolgsunabhängig verspeisen.

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Ausgabe 07/2013

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