Wer sich laben will, braucht Lizenzgebühren (Microsoft) oder Bindung an die Hardware (Apple). Stößt das Geschäftsmodell Open Source hier an seine Grenze? Red Hat: „Als börsennotiertes Unternehmen müssen wir Produkte und Technologien unter dem Gesichtspunkt der Profitabilität erzeugen – und bei Desktops ist das viel härter als mit Servern.“ Die Schlacht scheint verloren, die rothütigen Generäle schicken schon lange keine Truppen mehr ins morastige Gelände. Auch Novells Marschälle haben Suses Kriegstagebücher aus einer Zeit gelesen, als die Grünröcke noch viermal im Jahr mit teuer aufgerüsteten Boxen zu Endkunden-Felde zogen, um reiche Beute zu machen, aber oft genug schwer verwundet nach Hause trotteten.
Ist das betriebswirtschaftliche Versagen des Open-Source-Gedankens auf diesem Gebiet ausgemacht? Handeln Red Hat und Novell strategisch klug, die Schlacht um den Heim-PC verloren zu geben? Zur (Auf-)Klärung lohnt es, mal die feindlichen Truppen zu umreiten und sich aus deren Perspektive historische Schlachten anzuschauen: Hatte Microsoft einen sachlich belastbaren Grund, an den Siegeszug von MS-DOS oder Windows 3.0 zu glauben? Warum lehnte sich Apple Jahrzehnte mit teuren Rechnern gegen das Wintel-Monopol auf? Hatten beide Aktiengesellschaften ihre Produkte dabei nach Heimanwender und Businesskunden streng geteilt? Gab es anfänglich für Apple Anlass für Optimismus, im MP3-Player- oder Mobiltelefon-Markt Geld zu verdienen? Viermal nein. Versucht haben sie’s trotzdem, sind trotz betriebswirtschaftlich fraglichen Ausgangs einfach losgestürmt.
Um wider besseres Wissen in eine Schlacht wie die bei Lützen am 16. November 1632 zu ziehen, be darf es Mut, kriegshandwerklichen Geschicks, entschlossener Führer wie Wallenstein – und Glück. So verließ die kaiserlich-katholischen Truppen der Mut, als Kugeln den Marschall von Pappenheim während seines ersten Angriffs tödlich trafen, seine Kommandeure flohen und sich der Wallenstein’sche linke Flügel auflöste. Den Protestanten um den Schwedenkönig Gustav Adolf schien der Sieg sicher.
Doch aufziehender Nebel half die Front stabilisieren. Oberst Octavio Piccolomini eilte mit zwei Kürassier-Regimentern herbei, übernahm das Kommando und führte sieben Reiterattacken gegen die Schweden an, wobei unter ihm fünf Pferde verwundet stürzten und auch er eine Verletzung erlitt. Das kaiserliche Fußvolk fasste neuen Mut und kämpfte um so entschlossener. Schiller notierte später: „Der nahe Feind gibt dem Schießgewehr keinen Raum, keine Frist mehr zur Ladung, Mann ficht gegen Mann, das unnütze Feuerrohr macht dem Schwert und der Pike Platz und die Kunst der Erbitterung.“ Möglicherweise braucht es 2008 für die Schlacht am Desktop lediglich den aus Vistahausen aufziehenden Tiefnebel und einen Linux-Oberst Piccolomini. Aber man kennt ja seine Pappenheimer.