Der Begriff ist noch IT-Smalltalk-tauglich, auf der Hitliste aktueller Buzzwords aber schon auf die hinteren Ränge abgefallen: Virtualisierung. Nach dem Hype der letzten Jahre durchlebt die Technik eher eine Phase der Ernüchterung, die den Abstieg vom Gipfel des Überschwangs in die mühevolle Ebene der täglichen Praxis begleitet. Dort zählen andere Werte: Nicht die Funktion an sich, die man beim Proof of Concept noch bestaunte, sondern Dinge wie Performance, Stabilität, Effizienz und Administrierbarkeit.
Eine entscheidende Rolle spielen dabei die richtigen Tools. Niemand, nicht einmal ein Linux-Vorturner, möchte zu Kommandozeilen-Akrobatik gezwungen sein. Stattdessen wünscht sich der Admin Handwerkszeug, das einfach und sicher zu gebrauchen ist, für viele Arbeiten taugt, wenig Krafteinsatz erfordert und keine Nacharbeit nötig macht.
Ein Virtualisierungstool, das diese Ansprüche bedienen will, muss allerhand beherrschen:
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Das beginnt beim Provisioning und Deployment der
virtuellen Maschinen, um möglichst schnell die gewünschte
Anzahl virtueller Instanzen zu erzeugen, ohne dass händisch
viel nachzukonfigurieren wäre. Das gelingt gut mit
vorbereiteten Templates oder dem Klonen einer Masterinstallation.
Außerdem sollte das Tool neben lokalen auch
Installationsmedien im Netz unterstützen.
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Damit verbunden ist die Migration physischer zu
virtuellen Maschinen und gegebenenfalls auch umgekehrt. Das Ideal
wäre hier eine Online-Konvertierung via Netzwerk, die
möglichst wenig personelle Unterstützung erfordert.
Ebenso wichtig ist die Bewegungsfreiheit virtueller Maschinen im
laufenden Betrieb. Diese Live-Migration ist beispielsweise die
Grundlage von Load-Balancing-Lösungen mit VMs, von virtuellen
Clustern oder der Möglichkeit, physische Maschinen für
geplante Wartungsarbeiten freizustellen, ohne dass dies den Betrieb
eines Gastes unterbricht.
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Die Administration ist das wohl umfangreichste Gebiet,
auf dem sich der Anwender Hilfe erhofft. Das beginnt bei der
Kapazitätsplanung für die virtuellen Instanzen, reicht
über die Bereitstellung entsprechender Storage- und
Netzwerkressourcen bis zu zahlreichen Einstellungen etwa für
die Abbildung virtueller auf reale Hardware, Benutzer, Rechte und
so weiter.
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Um Workload-Management muss sich das
Virtualisierungstool spätestens dann kümmern, wenn
mehrere virtuelle Maschinen oder physische Hosts im Spiel sind, die
sich eine Aufgabe teilen oder im Fehlerfall gegenseitig ersetzen
sollen.
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Damit im Zusammenhang steht das Monitoring besonders des
Hosts, das der Admin von einem All-in-one-Tool ebenfalls erwarten
muss. Den Status der einzelnen VMs und die Auslastung der
wichtigsten Ressourcen sollte es mindestens anzeigen.
VMware
Dass alles prinzipiell unter einen Hut passt, beweist beispielsweise der Marktführer VMware [1]. Allerdings läuft die Steuerzentrale Virtual Center, die Gäste des ESX- und auch des GSX-Servers verwaltet, zurzeit nur unter Windows. Ein Linux-Port scheint in naher Zukunft nicht auf der Agenda zu stehen.
Für eine reine Linux-Lösung muss sich der Anwender deshalb mit dem kostenfreien VMware Server behelfen. Diese Einsteigerlösung, kürzlich erst in einer neuen Betaversion 2.9 erschienen, hat aber auch schon einiges zu bieten. Die größte optische Umstellung im Vergleich mit den alten 1.x-Versionen bringt dabei das neue Webinterface Virtual Infrastructure Web Access - die alte Standalone-Serverkonsole ist nicht mehr verwendbar. Es benötigt ein eigenes Browser-Plugin und kann dann alle Aufgaben von überall her im Browser erledigen (siehe Abbildung 1).
Abbildung 1: Das neue Webinterface von VMware Server bietet viele Funktionen übersichtlich an.
Provisioning und Deployment der VMs unterstützt eine Vielzahl von Templates für 17 Windows-Versionen, 17 Linux-Distributionen (auch 64-Bit-Varianten), hauptsächlich von Suse und Red Hat, aber auch Ubuntu, Netware und Solaris 10. Zwar lassen sich beim VMware Server VMs nicht wie beim großen Bruder ESX-Server zwischen physischen Hosts migrieren, schon gar nicht zur Laufzeit, aber zumindest können sie in einem via NFS gesharten Speicherbereich (Datastore) liegen und so verschiedenen Servern zur Verfügung stehen.
Auch das Load Balancing bleibt den kommerziellen Versionen vorbehalten, dafür unterstützt aber auch der kostenlose Server Administration und Monitoring sehr gut und von zentraler Stelle.
Virtual Iron
Einen Weg dicht auf den Fersen von VMware hat die Firma Virtual Iron eingeschlagen [2]. Ihr Produkt Virtual Iron 4 erlaubt zumindest in der teuersten Extended Enterprise Edition nicht nur das Klonen virtueller Instanzen oder die Live-Migration, sondern auch die dynamische Kapazitätsanpassung der virtuellen Maschinen im laufenden Betrieb. Außerdem enthält es HA-Features wie beispielsweise ein Failover virtueller Rechner auf einen Reserve-Host (N+1-Cluster).
Wie bei VMware ist es auch möglich, für anstehende Wartungsarbeiten physische Hosts ohne Unterbrechung ihrer Gäste freizuräumen. Mit an Bord sind zudem ein ausgefeiltes Monitoring und Logging der virtuellen Instanzen und ein Policy-gesteuertes Kapazitätsmanagement. Letzteres ermöglicht es, virtuelle Maschinen automatisch zu verlagern, wenn der Host bestimmte Grenzwerte für seine Auslastung über eine vom Anwender festgelegte Zeitspanne hinweg überschreitet.
Auf der Storage-Seite unterstützt Virtual Iron ISCSI, SAN (Fibre Channel) und NAS. Für das schnelle Provisioning und die Analyse der benötigten Kapazitäten kooperiert der Hersteller mit dem Marktführer für diese Technologien, Platespin, der auch VMware zuarbeitet. Der Abstand zu VMware ist hier nicht mehr groß, beim Preis aber deutlich: Virtual Iron gibt es ab 500 Dollar pro Socket, die Preise für VMwares ESX-Server beginnen ungefähr beim Dreifachen.