Der Estrich soll drei Tage trocknen, bevor der Steinmetz den Boden verlegt. Während dieser im Erdgeschoss arbeitet, muss sich der Elektriker auf die Arbeit im ersten Stock beschränken. Der Fliesenleger hat in der Kalenderwoche 32 Zeit, aber nicht in den Wochen 33 und 34, sodass es wohl sinnvoll wäre, die Wandfließen im Bad vor dem Bodenestrich zu verlegen ...
Nicht nur beim Häuslebauen gibt es eine Unzahl von einzelnen Arbeitsschritten, deren Durchführbarkeit oft vom Abschluss vorausgehender Arbeiten abhängt. Der Erfolg jedes Projekts, bei dem die einzelnen Teilaufgaben von Vorleistungen abhängen, steht und fällt mit einer soliden Koordination.
Oft sind die verschiedenen Ressourcen (Arbeitskräfte oderFirmen) terminlich eingeschränkt verfügbar, sodass die zeitliche Planung zu einem Puzzlespiel wird, bei dem es gilt, die Stücke möglichst passgenau aneinanderzufügen. Noch wichtiger als die zeitliche Optimierung ist in vielen Fällen, dass die richtige Abstimmung der Einzelaufgaben Reibungsverluste verhindert. Zu diesen kommt es unweigerlich, wenn Wartezeiten für Druck und Stress sorgen.
Hilfe gefragt
Bei größeren Projekten ist es schwer, im Kopf oder mit Hilfe einer Zettelsammlung die Übersicht zu behalten. Ein leistungsstarkes Hilfsmittel bei der zeitlichen Koordination aufeinander aufbauender Arbeitsschritte ist das so genannte Gantt-Diagramm ([1], Abbildung 1, rechts oben). Die vom Maschinenbauingenieur Henry Gantt Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte grafische Planungstechnik visualisiert die Dauer der einzelnen Teilaufgaben in untereinander liegenden horizontalen Balken. Vertikale Pfeile kennzeichnen die Abhängigkeiten der Zeitblöcke untereinander. Dies stellt sicher, dass der Projektplaner keine Aufgabe früher ansetzt, als die letzte Teilaufgabe, auf der sie aufbaut, es erlaubt.
Abbildung 1: Mächtiges Planungswerkzeug: Openproj erweitert das seit Langem verbreitete Gantt-Diagramm um eine Ressourcenverwaltung und viele Reporting-Funktionen.
Das Gantt-Verfahren hat sich weit verbreitet, schon lange bevor es Computer gab. Auf Papier gezeichnete Gantt-Diagrammen haben jedoch den Nachteil, dass sich einmal gezeichnete Balken bei Bedarf nicht mehr verschieben lassen. Gute Software hingegen platziert die Zeitblöcke allein aus den angegeben Voraussetzungen selbstständig, zum Beispiel: nicht vor dem 23.10. beginnen, setzt Abschluss der Aufgabe XYZ voraus. Manuelle Änderungen lassen sich komfortabel durch Verschieben mit der Maus vornehmen.
Steigender Stern
Jetzt gibt es unter den komplexen kommerziellen Anwendungen und den meist relativ simplen Open-Source-Projektplanern einen neuen, frei verfügbaren Star.Anfang August veröffentlichte die französisch-amerikanische Firma Projity [2] eine Betaversion ihrer Projektplanungssoftware Openproj. Mitte September hatten bereits über 65000 Anwender die Software, aktuell in Version Beta 4 vorliegend, heruntergeladen. Im Ranking der aktivsten Sourceforge-Projekte lag Openproj auf Rang 15.
Der große Leistungsumfang und die übersichtliche intuitive Benutzeroberfläche erklären das große Interesse. Das unter Linux, Windows und Mac OS lauffähige Java-Programm zeichnet außer Gantt-Diagrammen, die zeitliche Zusammenhänge am übersichtlichsten visualisieren, auch so genannte Netzplan-Übersichten (Abbildung 2), die mehr Information transportieren als Gantt-Diagramme. Zusätzlich verwaltet Openproj Ressourcen (Material oder Arbeitskräfte).
Abbildung 2: Die Netzplanansicht ignoriert bei der Visualisierung die zeitliche Dauer der einzelnen Aufgaben und konzentriert sich auf die logischen Zusammenhänge.
Eine Work Breakdown Structure (WBS, Abbildung 3a) gibt Aufschluss über die Kosten der einzelnen Projektphasen, die Resource Breakdown Structure (RBS, Abbildung 3b) über den Anteil von Material und Arbeitskräften an den Gesamtkosten. Die Reportfunktion liefert wichtige betriebswirtschaftliche Eckdaten wie die Budgeted Cost of Work Scheduled (veranschlagte Arbeitskosten) oder die Budgeted Cost of Work Performed (tatsächliche Arbeitskosten).
Abbildung 3a und 3b: Hilfestellung bei der Finanzplanung und der Bilanzierung: Die Openproj-Funktionen »Work Breakdown Structures« und »Ressource Breakdown Structures« schlüssen die Projektkosten nach Tasks und beteiligten Mitarbeitern, Material und anderen Ressourcen auf.
Abbildung 3a und 3b: Hilfestellung bei der Finanzplanung und der Bilanzierung: Die Openproj-Funktionen »Work Breakdown Structures« und »Ressource Breakdown Structures« schlüssen die Projektkosten nach Tasks und beteiligten Mitarbeitern, Material und anderen Ressourcen auf.
Das Onlinehandbuch [3] für die als "Software as a Service" vertriebene Enterprise-Variante der Java-Anwendung eignet sich über weite Strecken auch als Referenz für die freie Version. Der Anwender muss sich meist nur die Mehrbenutzerfunktionen und die Koordinationsfunktionen für mehrere gleichzeitig durchgeführte Projekte wegdenken, denn diese findet er nur in der kostenpflichtigen Version.
Anders als die Server-basierte Enterprise-Version startet die Open-Source-Variante als Desktop-Anwendung, die immer nur einem Benutzer die Arbeit an einem Dokument erlaubt. Doch die Gantt- und Netzwerkdiagramme, die Ressourcenplanung und das Reporting funktionieren wie in der kommerziellen Variante. Auch die Onlinevideo-Tutorials [4] bieten wertvolle Hilfestellungen bei der Einarbeitung.