Open Source im professionellen Einsatz

Die Mozilla-Frage

Mozilla genießt in der Anti-Microsoft-Fraktion der Open-Source-Community eigentlich einen guten Ruf. Das Projekt ist aus dem so genannten Browserkrieg zwischen Microsoft und Netscape in den 90er Jahren hervorgegangen. Angesichts der Niederlage im Kampf um die Vorherrschaft im Browsermarkt machte Netscape die Quellen seines Browsers publik, aus denen schließlich mit dem Firefox eines der populärsten Open-Source-Programme überhaupt entstanden ist. Aus der E-Mail-Komponente der ehemaligen Mozilla Internet Suite ist der ebenfalls sehr beliebte Mailclient Thunderbird hervorgegangen.

Nun ist es in den letzten Wochen allerdings zu einem beispielhaften Konflikt zwischen der Mozilla-Stiftung und Thunderbird-Benutzern gekommen. Die Mozilla Foundation finanziert vor allem mit Hilfe von Spenden die Weiterentwicklung von Firefox und Thunderbird, indem sie hauptberufliche Programmierer bezahlt, die beide Open-Source-Projekte vorantreiben. Dadurch geht deren Entwicklung natürlich schneller und effektiver vonstatten, als nur mit ehrenamtlichen Hackern, die in ihrer Freizeit aushelfen.

Das häufige Problem bei derartigen Symbiosen zwischen bezahlten Programmierern und Freiwilligen: Der Auftraggeber, in diesem Fall die Mozilla-Stiftung, bestimmt die Stoßrichtung und entscheidet damit letztlich auch darüber, welche Patches es in den offiziellen Code schaffen und welche neuen Features die höchste Priorität erhalten. Diese Entscheidungen decken sich aber nicht immer mit den Wünschen der Benutzer- und der Entwickler-Community.

Aktueller Anlass für den Zwist war die Ankündigung der Vorsitzenden der Mozilla Foundation, Mitchell Baker (Abbildung 2), das Entwicklungsmodell von Thunderbird grundsätzlich zu überdenken [4]. Der Erfolg von Thunderbird sei mit dem von Firefox nicht zu vergleichen, deshalb fließe auch die Hauptenergie der Mozilla-Stiftung in die Entwicklung des Browsers. Im Vergleich dazu friste Thunderbird ein Schattendasein; den ursprünglichen Zeitplan, beide Programme immer mit derselben Versionsnummer synchron zu halten, musste Mozilla bereits aufgeben.

Abbildung 2: Mitchell Baker ist Vorsitzende der Mozilla Foundation und möchte für die Entwicklung des E-Mail-Clients Thunderbird eine neue Organisationsstruktur einführen.
    (Bild: © James Duncan Davidson/O'Reilly)

Abbildung 2: Mitchell Baker ist Vorsitzende der Mozilla Foundation und möchte für die Entwicklung des E-Mail-Clients Thunderbird eine neue Organisationsstruktur einführen. (Bild: © James Duncan Davidson/O'Reilly)

Baker stellt drei Möglichkeiten zur Debatte, wie die Entwicklung von Thunderbird künftig ablaufen könnte. Die erste wäre ein unabhängiges Thunderbird-Projekt, das analog zu Mozilla durch eine eigene Stiftung finanziert würde, die ausschließlich den Fortschritt des Mailclients als Ziel hätte. Dieses Modell sieht Baker als jenes an, das die größtmögliche Unabhängigkeit für Thunderbird erlaube, allerdings auch den größten organisatorischen Aufwand, der wiederum die Ressourcen belaste.

Weniger administrativen Aufwand hätte Bakers zweiter Vorschlag zur Folge, nämlich ein Zweigunternehmen der Mozilla-Stiftung zu gründen, das sich der Thunderbird-Entwicklung annähme. Mit dem Organisationsaufwand würde sich allerdings auch der Gewinn an Unabhängigkeit reduzieren. Die dritte Option besteht in der Umformung von Thunderbird in ein echtes Community-Projekt aus freiwilligen Entwicklern, dem eine kleine Firma nur organisatorisch und beratend zur Seite stünde.

Existenzangst

Zahlreiche Nutzer befürchteten daraufhin, die Mozilla-Stiftung könnte die angekündigte Neuorganisation des Thunderbird-Projekts auch dazu nutzen, dem Mailprogramm noch weniger Aufmerksamkeit als bisher zu schenken. Diesen Vorwurf weist Baker in ihrem Blog jedoch zurück. Stattdessen solle eine neue Organisationsstruktur die engagierte Weiterentwicklung von Thunderbird sicherstellen, indem sie das Projekt davor schütze, dass bei wachsendem Ressourcenbedarf des Mozilla-Zugpferds Firefox Mittel von der Thunderbird- in die Firefox-Entwicklung wandern [5].

Asa Dotzler, der sich beim Mozilla-Projekt vor allem um die Beziehungen zur Community kümmert, dreht den Spieß um. Er beruft sich in seinem Blog auf einen Grundsatz bei der Entwicklung freier Software. Sie funktioniert seiner Ansicht nach nur, wenn Nutzer nicht wie klassische Konsumenten auftreten, sondern selbst etwas beisteuern.

Dotzler konfrontiert die Thunderbird-Benutzer mit der Frage, ob sie gefundene Fehler an die Entwickler melden, ob sie neue Vorabversionen testen und ob sie selbst Patches schreiben, um diese zu korrigieren. Auch Werbung bei der Familie, den Freunden und Kollegen oder auf der eigenen Homepage gehöre dazu, wenn man sich wirklich um Thunderbird sorge [6].

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