Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 07/2007
© Doris Antony, GFDL

© Doris Antony, GFDL

Das BBS Citadel als Groupware-Server

Komfortable Festung

Trotz seiner Größe bleiben auf dem Groupware-Markt Systeme rar, die über ihren Webclient hinaus wenigstens einen Linux-Desktop-Client gut unterstützen. Die Ritter des aus der Internet-Vorzeit stammenden Citadel haben in ihre Trutzburg neben vielen anderen Funktionen eine stabile Brücke zu Kontact eingebaut.

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Kaum zu glauben! Citadel unterstützt alle gängigen offenen Groupware-Standards, bietet seine Daten über GroupDAV an, beinhaltet Chat sowie Mailinglisten und repliziert zwischen mehreren Servern. Die Einbindung externer LDAP-Verzeichnisse, E-Mail-Push-Dienste zu Funambol, eine HIPAA-konforme Archivierung, Indexing, Multidomain-Fähigkeit, Sieve-Skripte, Web-basierte Administration, ein stabiler Webclient, die KDE-PIM-Suite Kontact als Linux-Desktop-Client und ein schlankes, schnelles CLI-Interface komplettieren das Bild.

Open-Source-Urgestein

Citadel ist eins der ältesten heute noch bestehenden Open-Source-Projekte: Bereits 1981 entwickelte Jeff Prothero das erste Citadel-System nach dem Vorbild der Bulletin-Board-Systeme (BBS, [1]) (siehe Kasten "Das Erbe der 70er-Jahre"). Der Code der Version 1.0 wurde veröffentlicht und frei in der Community weiterentwickelt. Zahlreiche Abspaltungen, Neu- und Weiterentwicklungen folgten, auch das heutige Citadel [2] entstand 1987 als Fork dieser verbreiteten Serversoftware. Der Citadel-Benutzer Art Cancro ärgerte sich so sehr über die Zensur der Moderatoren in den verfügbaren BBS-Foren im Raum New York, dass er Betrieb und Entwicklung eines eigenen, unzensierten Bulletin-Board-Systems ankurbelte.

Das Erbe der
70er-Jahre

Das heutige Citadel ist ein Nachfolger der Bulletin Board Systems (BBS) des frühen Internets. Die in den 70er-Jahren entwickelten elektronischen schwarzen Bretter gelten als Vorläufer des modernen WWW und erreichten ihre größte Verbreitung Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Mit einem Modem und einem Computer ausgestattet wählten sich Benutzer in die Systeme ein und tauschten Mitteilungen, Daten, Informationen und Software aus. Ähnlich wie bei modernen Chatsystemen gab es verschiedene Räume, die die User betraten und sich miteinander unterhielten.

Die Software war für die geringe Bandbreite der damals zur Verfügung stehenden Modems optimiert. Benutzer verwendeten Befehlszeilen-Clients wie Telnet, um sich mit den BBS zu verbinden und mit anderen Benutzern zu kommunizieren. Die Darstellung der Informationen war stark textlastig, Bilder oder Animationen kamen in der Regel nur in Form von Ansi-Art vor, also Bildern aus Ansi-Zeichen. Zahlreiche Abkürzungen und Shortcuts ermöglichten schnelle und Ressourcen-schonende Bedienung für erfahrene Benutzer. Am Befehlszeilen-Client von Citadel lässt sich die Funktionsweise noch heute nachempfinden.

Privatvergnügen

Die Bulletin Boards wurden anfangs privat betrieben, mit zunehmendem Erfolg gab es auch mehr und mehr kommerzielle Angebote. Die Benutzer zahlten zunächst nur die Telefonkosten, was die BBS meist zu lokalen Foren innerhalb der Ortsnetze machte. Später etablierten sich auch Abonnements für kommerzielle Foren. Ein Administrator, auch Aide, Sysop oder Moderator genannt, verwaltete die Foren. Zwei der bekanntesten BBS Ende der 80er-Jahre waren Citadel/PM und Citadel-86. Unterschiedliche Varianten dieser Programme waren so verbreitet, dass sich der Begriff Citadel fast zu einem Synonym für das ganze Bulletin-Board-Genre entwickelte.

Anfang der 90er-Jahre war so eine große Subkultur entstanden, die BBS waren untereinander verknüpft und boten E-Mail und Schnittstellen zu anderen Diensten. Mit dem großen Erfolg des WWW verloren die BBS allerdings an Popularität. Direkte Modemeinwahl wurde durch die Anbindung an das Internet obsolet und zahlreiche BBS gingen in Onlinechat-Systemen auf. Die wenigen überlebenden erreichten dafür durch das Internet eine größere geografische Verbreitung und entwickelten sich zu einem Hobby für Enthusiasten.

Unzensiert auf Linux

Als frischgebackener Eigentümer einer Unix-Machine portierte er die DOS-Software und nannte sie fortan "UNCENSORED! BBS". 1988 öffnete das erste freie und unzensierte Citadel-BBS seine Pforten und erhielt regen Zulauf. Der Zugriff über das WWW ersetzte in den 90er-Jahren mehr und mehr die Einwahl per Modem und Telnet. Die Citadel-Gemeinde trug dem Rechnung und entwickelte den Webclient Webcit. 1995 zog Uncensored! auf Linux um und steht bis heute unter [3] zur Verfügung (Abbildung 1). Die Software, einige ihrer Bestandteile durften schon ihren 25. Geburtstag feiern, unterliegt komplett der GPL. Zum HTTP-Zugriff gesellten sich in den letzten Jahren außerdem Erweiterungen für Protokolle wie POP, IMAP, Sieve, LDAP und GroupDAV, sodass das Bulletin-Board-System langsam zu einer vollständigen Groupware reifte.

Abbildung 1: Citadel bringt seinen eigenen Webclient mit und besticht durch ein ausgefeiltes Raum-Konzept. Die Abbildung zeigt die Lobby, den ersten öffentlichen Raum für alle Citadel-Benutzer.

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