Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 06/2007
© schoelzy, photocase.com

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UW IMAP, Courier, Cyrus und Dovecot im direkten Vergleich

Auf der Teststrecke

Was leisten moderne IMAP-Server? Wo liegen ihre Grenzen, wo die Unterschiede? Welche Faktoren beeinflussen die Leistung? Das Linux-Magazin hat die vier besten in der Businessklasse getestet.

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Vier aktuelle und populäre Server treten hier gegeneinander an: UW IMAP, Cyrus IMAP, Courier IMAP und Dovecot. Gemeinsam ist ihnen, dass sie IMAP anbieten. Was sie vor allem unterscheidet, sind ihre Entstehungsgründe und Ziele. Marc Crispin, der Vater des IMAP-Protokolls, ist zugleich der Programmierer von UW IMAP. Der Server diente ihm als Proof of Concept und gilt als Referenz für die IMAP-Implementierung. Wer sich damit beschäftigt, der merkt, dass der Schöpfer Wert auf Vielseitigkeit und Einfachheit legt. Der Server läuft auf vielen Plattformen und unterstützt mehrere Mailbox-Formate.

Der Admin konfiguriert UW IMAP, indem er vor dem Übersetzen eigene Build-Optionen setzt. Nach dem Kompilieren kopiert er dann lediglich einige wenige Binaries an passende Orte im Dateisystem. Den IMAP-Dienst selbst rufen »inetd« oder »xinetd« bei Bedarf auf. Den Benutzer authentifizieren klassische Systemdatenbanken oder PAM und die darüber erreichbaren Backends.

Für viele Admins war UW der erste IMAP-Server. Sobald ihre Anforderungen und vor allem sobald die Mailboxen wuchsen, ließen ihn viele aber wieder fallen. Grund war sicherlich das Festhalten seines Erfinders am Mbox-Format und die damit verbundenen Problemen (siehe weiter unten). Ende letzten Jahres hat Marc Crispin das neue Mailbox-Format Mix vorgestellt. Grund genug für ein Wiedersehen mit dem alten Bekannten, dessen aktuelle Version Imap-2006g hier zur Prüfung antritt.

Cyrus IMAP, der Allrounder

Der nächste Kandidat ist Teil des Projekt Cyrus der Carnegie Mellon Universität und als Nachfolger des dortigen Andrew- Mailsystems für den Einsatz auf einer Sealed Box konzipiert. Der Server ist weit über die Grenzen seiner Alma Mater hinaus bekannt und gilt als Feature-Monster. Die Software ist höflich gesagt unterdokumentiert. Für wiederkehrende Aktionen erstellt und pflegt der Server Caches und Indizes, um I/O-Operationen auf ein Minimum zu reduzieren.

Übersteigt die Last die Fähigkeiten eines einzelnen Cyrus-Servers, kann das Projekt Cyrus Murder helfen. Es bündelt verschiedene verteilte Cyrus-Server und lässt sie nach außen als ein System erscheinen. Benutzer authentifiziert und autorisiert Cyrus IMAP über das Framework Cyrus SASL, das sich für eine größere Zahl sehr unterschiedlicher Backends eignet. Cyrus verfügt mit Sieve über eine ausgewachsene Filtersprache (siehe Artikel). Der Test verwendete Cyrus-Imapd-2.2 aus Ubuntus Fundus.

Courier IMAP und Dovecot

Kandidat drei ist Teil der Courier-MTA-Suite des Autors Sam Varshavchik. Nach eigenen Aussagen begann er Courier IMAP zu schreiben, weil in seinen Augen nichts Vernünftiges auf dem Markt war. Mit den Jahren hat sein Unmut einen IMAP-Server, den Local-Delivery-Agenten Maildrop, die Webmail-Applikation Sqwebmail und sogar den eigenen Mailclient Cone hervorgebracht.

Courier kann Benutzer über die Courier Authlib, Systemdatenbanken, PAM, LDAP-Verzeichnisse, SQL-Server und die eigene Userdatenbank authentifizieren. Bei Providern ist Courier beliebt, weil er seine Daten im einfach zu verwaltenden Mailbox-Format Maildir ablegt. Reicht ein IMAP-Server nicht, um die Last der Clients zu tragen, verteilt sie der seit Version 4.0 eingebaute Proxy auf mehrere Server. Der Test verwendete die ältere Version 3.0.8-13ubuntu5.1.

Testkandidat Nummer vier dürfte sich nicht wundern, wenn er diesen Test verlieren würde. Denn Version 1.0 von Dovecot ist genau am Freitag, dem 13. April 2007 erschienen. Wer meint, die geringe Versionsnummer sei mit geringem Funktionsumfang gleichzusetzen, irrt. Entwickler Timo Sirainen hat fünf Jahre investiert, um einen möglichst sicheren IMAP-Server zu schreiben. Dovecot verfügt als einziger Testteilnehmer über mehrere Spezialkomponenten, bei denen jede mit Minimal-Privilegien läuft.

Der Server liest mehrere Mailbox-Formate und bringt als Eigenentwicklung transaktionsorientierte Indizes mit. Diese wendet die Software sowohl auf Mbox- als auch auf Maildir-Mailboxen an und speichert sie bei Bedarf getrennt von den Boxen. Das ist praktisch, wenn diese über NFS gemountet sind, der Admin aber die Indizes vor NFS-Ärger bewahren will. Auch Dovecot verfügt über einen Proxy-Modus, mit dem er Last auf andere Server verteilt. Neue Fertigkeiten lernt er durch eine Plugin-Infrastruktur. Damit haben Quotas und ACLs bereits Einzug in die Applikation gefunden [1].

Dovecot gewinnt gerade viele Freunde in der IMAP-Gemeinde. Das liegt nicht nur an der guten Dokumentation, sondern auch daran, dass Timo Sirainen mit Ideen und Engagement frischen Wind in die Szene bringt. Im Test kam die Version 1.0.beta3-3ubuntu zum Einsatz.

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