Open Source im professionellen Einsatz

Gastkommentar: Top 500 der Supercomputer

Zwei Gespenster gehen um

Droht die Königsklasse der schnellsten Server der Welt in einem Windows-Fahnenmeer zu versinken? In der bisher Linux-dominierten Top-500-Liste legt Microsoft jetzt satte 100 Prozent zu, der beste Windows-Rechner schießt gleich 180 Plätze aufwärts.

Ende Juni kam sie raus, die neue Liste der 500 schnellsten Computer [1]. Wie immer vorgestellt auf der halbjährlichen International Supercomputing Conference, diesmal in Dresden. Rechtzeitig vorher hatte Microsoft Großes angekündigt: Der Windows Compute Cluster Server (CCS) 2003 habe nun die "Release to Manufacturing"-Phase erreicht. Die Medien druckten\'s brav, denn schließlich hatte CCS-Produktmanager John Borozan schon im April der Linux-Welt den Konkurrenzkampf angesagt [2].

Der etwas längerer Blick auf die nackten Zahlen der beiden letzten Top-500-Listen zeigt, wohin die Reise geht. Während Linux im November 2005 noch 74,2 Prozent der 500 Plätze belegte, muss es sich nun mit 73,4 Prozent zufrieden geben. Der Windows-Anteil stieg im selben Zeitraum von 0,2 Prozent (ein System) auf 0,4 Prozent (zwei Systeme), macht 100 Prozent Zuwachs.

Geradezu erdrutschartig gerät auch der Platzierungsgewinn: Das beste Windows-System schießt um 180 Plätze nach oben - auf Rang 130. Die Linux-Platzierung hingegen stagniert: Das beste Linux-System liegt in beiden Listen auf Platz 1, wenn man CNK/Linux mitzählt.

Fragende Blicke

Mitunter geben Marktforscher alles, um Politiker vor dem Linux-Irrweg zu bewahren. Bei einer Veranstaltung im Berliner Abgeordnetenhaus zum Thema Open-Source-Migration kam ein Marktforscher eines eigentlich renommierten Instituts zu Wort. Er berichtete zunächst das Offensichtliche, was Marktanteile von Windows betrifft. Kaum geneigt sich seine schöne Geschichte durch Tatsachen verwässern zu lassen, verkündete er einen langen Katalog von Open-Source-Kostennachteilen und fügte mit wissender Miene hinzu, es gebe zudem unter Linux "keine tragenden Anwendungen".

Möglich, dass aus Analystensicht jene Anwendungen, die in der Luftfahrt, bei Kernwaffenforschern oder bei der Nasa auf Supercomputern laufen, weniger kritisch, weniger wichtig respektive weniger "tragend" sind als Word, Excel und Powerpoint auf Büro-PCs. Damit wäre zumindest elegant die Frage umschifft, warum Windows gerade überall dort durch Abwesenheit glänzt, wo ohne Performance, Zuverlässigkeit und optimale Hardwarenutzung nichts geht.

Im festen Wissen, dass nur eigene Statistiken gute Statistiken sind, schob der Marktforscher - auf die Top-500-Liste angesprochen - am Ende die ungemein fachkundige Frage nach, ob die Liste denn Mainframes überhaupt berücksichtige. Fragende Blicke gab\'s zuhauf.

Seherische Fähigkeit

Microsofts Steve Ballmer wusste schon vor fünf Jahren, dass Linux lausig ist. In manchen Märkten reiche das aber aus [3]. High Performance Computing scheint wohl so ein Fall zu sein. Aber sehen wir\'s sportlich: Liebes Windows, nach sieben Top-500-Jahren kuschlig eng an der Nulllinie - herzlich willkommen im Club! (jk)

Infos

[1] Top-500-Liste: [http://top500.org]

[2] Roger Howorth, "Windows invades Linux territory": [http://www.itweek.co.uk/2153996]

[3] Peter Delevett, "Ballmer vents on friends and foes - calls Linux \'crummy\'": [http://www.linuxtoday.com/infrastructure/2001020901306PSMS]

Der Autor


Eitel Dignatz ist Strategieberater und Inhaber der Firma Dignatz Consulting in München. [http://www. dignatz.de/spot358]

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