Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 09/2006

Leser fragen, der Linux-Magazin-Ratgeber antwortet

Recht einfach

Urheberrecht, Verträge, Lizenzen und so weiter: In der Serie "Rechts-Rat" erhalten Linux-Magazin-Leser verständliche Auskünfte zu Rechtsproblemen des Linux-Alltags.

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In dieser Ausgabe geht\'s um im LAN weitergeleitete Videostreams, das Ausforschen von dynamischen Internetnutzern und darum, wie GPL-Entwickler Code-Klau belegen können.

Videostreams im Uni-Wohnheim

Wir verwalten das Netzwerk in einem Wohnheim einer Universität. Wir arbeiten an einem Projekt, das TV- und Radiostreams, die eine Satellitenschüssel empfängt, über Multicast und später Unicast in das Hochschulnetz einspeisen soll. Die Streams empfangen dann alle User, die an das LAN angeschlossen sind (Wohnheime, Institute, Uni-DSL). Die im Moment rund 50 Sender (darunter HDTV) sind dann für rund 10 000 Personen ohne weitere Spezialausrüstung mit dem Mplayer zu sehen oder zu hören.

Teil des Projekts ist es, die Streams über ein Webinterface zentral aufnehmen zu lassen. Dafür ist eine Zugriffsmöglichkeit implementiert, sodass nur die Benutzer Aufnahmen anschauen können, die sie vorher programmiert haben.

Beide Dienste sind nicht kommerziell. Den Aufbau sollen die Benutzer aber möglicherweise auf Selbstkostenbasis finanzieren.

Roman S., Sami O.

In der Vergangenheit herrschte unter Anwälten die Meinung vor, ein TV-Sender innerhalb eines Studentenheims sei unzulässig, weil der Kreis der Empfänger zu groß sei, um noch ernstlich als privat durchzugehen. Inzwischen gibt es jedoch eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Köln [1], wonach sich das Verbot zumindest umgehen lässt, wenn der Dienst kostenfrei, also ohne Gegenleistung erfolgt.

Wenn nicht der Dienstleister, sondern der Benutzer das Streaming initiiert, also festlegt, welche Sendung aufgenommen und zeitversetzt weitergeleitet wird, handelt es sich um eine privilegierte Vervielfältigung zum privaten Gebrauch. Diese private Vervielfältigung darf auch ein Dritter im Auftrag durchführen, hier der Streaming-Provider.

Wichtig ist aber, dass es sich um eine vom Endbenutzer initiierte Vervielfältigung handelt. Das bedeutet, der Endnutzer bestimmt, welche Sendungen aufgezeichnet werden. Außerdem muss die Aufzeichnung so gespeichert sein, dass nur der Endnutzer Zugriff hat, etwa in einem persönlichen Verzeichnis. Zusätzlich ist zu gewährleisten, dass er von seinem Endgerät aus die Sendung jederzeit abrufen kann.

Wichtig ist auch, dass der Dienst unentgeltlich erfolgt. Das bedeutet nicht nur, keine unmittelbare Gegenleistung für das Angebot zu verlangen, sondern verbietet auch eine Verrechnung mit weiteren Dienstleistungen oder Waren. Eine Umlage der Kosten auf andere Leistungen darf also nicht erfolgen. Bei Einhaltung dieser Voraussetzungen ist das Re-Streaming zulässig.

Abbildung 1: Der Zuschauer muss auch bei im Netzwerk verteilten Video- und Audiostreams selbst entscheiden können, wann er welche Sendung sehen oder hören will.

IP-Detektive ohne Erfolg?

eine Zugriffs-Logs zeigen mir ständig Zugriffsversuche aus dem IP-Adressenraum eines bekannten Providers. Kann ich beantragen, dass der mir bekannt gibt, welche Nutzer diese IPs hatten? Ich möchte das unterbinden oder Schadensersatz verlangen.

Dieter P.

Die übliche Vorgehensweise, wenn Logdateien dem Administrator einen (fast) erfolgreichen Angriff oder Einbruch ins System anzeigen, besteht darin, den Ermittlungsbehörden den Zeitpunkt des Angriffs und die geloggte IP-Adresse des Angreifers mitzuteilen.

Diese Information dürfte es der Staatsanwaltschaft ermöglichen, den vermuteten Angreifer namentlich ausforschen, auch wenn der über einen dynamischen Internetzugang ins Netz kam. Sie hilft also in den gar nicht mal selten zu beobachtenden Fällen, in denen Angreifer amateurhaft vorgehen. Wenn der Angriff über einen gekaperten Fremdrechner gelaufen ist (Distributed Attack), ist diese Information eher nutzlos.

Mailen Sie uns Ihre
Fragen!

Im monatlichen Wechsel mit aktuellen Fachbeiträgen lässt das Linux-Magazin in der Serie "Rechts-Rat" Leserfragen durch einen Rechtsanwalt kompetent beantworten. Was immer Sie beschäftigt oder ärgert oder was Sie einfach nur wissen möchten: Schreiben Sie eine entsprechende E-Mail an die Adresse: [rechtsrat@linux-magazin.de]

Die Themen dürfen dabei von Softwarelizenzen bis zum Hardwarekauf reichen. Die Redaktion behält es sich vor, abgedruckte Zuschriften zu kürzen und eventuell enthaltene persönliche Daten zu ändern.

Unabhängig davon, ob die Staatsanwaltschaft dann ein Strafverfahren durchführt oder es einstellt, darf Einsicht in die Ermittlungsakte genommen werden. Das ist das probate Mittel, um festzustellen, gegen wen sich zivilrechtliche Schadensersatz- oder Unterlassungsansprüche richten.

Zunehmend befinden Gerichte [2] die Speicherung von dynamisch vergebenen IP-Adressen durch die Provider aber als unzulässig, weil nach dem Telekommunikationsgesetz (TKG, [3]) das Speichern von Verbindungsdaten nur zulässig ist, wenn sie zum Zwecke der Abrechnung erforderlich sind. Für die Abrechnung genügt in der Regel aber der Benutzername oder die Telefonnummer, die Speicherung der IP-Adresse ist nicht erforderlich und damit unzulässig.

Setzt sich diese Auffassung in der Rechtsprechung durch, speichern die Provider entweder keine IP-Adressen mehr oder geben diese Informationen nicht mehr an Dritte weiter, auch nicht an Ermittlungsbehörden.

Die Vorratsdatenspeicherung, zu der die Provider verpflichtet sind und auf deren Daten auch Strafermittlungsbehörden zugreifen können, liefert keine nutzbaren Ergebnisse, weil Behörden nur unter bestimmten Voraussetzungen Zugriff erhalten. Die so ermittelten Daten dürfen zudem auf dem Weg der Akteneinsicht nicht an Dritte weitergegeben werden.

Neben Fällen, in denen Unbekannte versuchen in Systeme einzudringen, ist das Ermitteln dynamisch verbundener Internetnutzer vor allem interessant, um Online-Besteller oder -Bieter ausfindig zu machen - zum Beispiel dann, wenn der Meistbietende bei einer Online-Auktion es später leugnet, das höchste Gebot abgegeben zu haben.

Übrigens: Wer einen Schadensersatz geltend machen will, muss den Schadenseintritt nachweisen und den Schaden beziffern.

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