Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 09/2006

Aktueller Überblick über freie Software und ihre Macher

Projekteküche

Zwei Desktops mit einem Eingabeset steuern: X2X und Synergy lassen den Mauscursor über die Oberflächen zweier Rechner gleiten. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales dagegen möchte mit dem neuen Projekt Wikia Campaigns die Politik revolutionieren. Wenn er das geschafft hat, isst er eine Quiche Lorraine.

771

Der Trend geht zum Zweitrechner. Längst zieren zwei Bildschirme samt Tastatur und Maus viele Schreibtische (siehe Abbildung 1). Einer davon dient beispielsweise als zuverlässiger Bürohengst mit Mailclient und Office-Suite, während der andere mit instabilen Programmversionen sowie neuen Distributionen und Kernelversionen experimentiert. Denkbarer Nutzer einer solchen Konstruktion wäre ein Mitarbeiter einer Publikation, der auf einem Computer neue Programme ausprobiert, während er auf dem anderen Rechner die Ergebnisse schriftlich festhält.

Abbildung 1: Zwei Desktops, also auch zwei Tastaturen und Mäuse? Das beansprucht einen unnötig großen Teil des stets zu knappen Speicherplatzes auf dem Schreibtisch.

Dabei kommt der Tester trotz SSH nicht umhin, sich gelegentlich vor den anderen Rechner zu setzen. Den Kalorienverbrauch kann er verkraften, aber weniger, dass die um Zweittastatur und -maus gestapelten Papiermassen die Eingabegeräte immer wieder verschütten.

Das Ziel besteht also darin, Platz auf dem Tisch einzusparen und trotzdem beide Computer bequem zu bedienen. Eine Lösung liefert VNC (Virtual Network Computing): Ein VNC-Server [1] - es gibt sowohl freie als auch kommerzielle - ermöglicht es einem Client, die grafische Oberfläche eines Rechners auf dem Bildschirm des anderen in einem Fenster darzustellen und zu steuern.

Ressource Schreibtischplatz

VNC bringt jedoch Nachteile mit sich. 3D-beschleunigte Anwendungen bleiben komplett außen vor, außerdem belastet der Datenaustausch zwischen VNC-Client und -Server das Netzwerk. Das führt auch manchmal zu einem verzögerten Abgleich zwischen der originalen grafischen Oberfläche und dem Abbild im Fenster. Steht der VNC-Server in einem anderen Zimmer, wiegt der Komfortgewinn diese Nachteile durchaus auf, aber steht der zweite Rechner mit dem angeschlossenen Bildschirm ohnehin auf demselben Tisch, gibt es bessere Lösungen.

Aus grauer Vorzeit

Der Klassiker heißt X2X [2] und stammt noch aus der Prä-Linux-Epoche, funktioniert aber auch mit dem freien Unix-Nachbau tadellos. Das Programm erlaubt es, den Mauscursor aus einem Bildschirm mit X11-Oberfläche an einer Seite hinauszubewegen und ihn im X-Server des zweiten Rechners wieder aufzunehmen. Befindet sich der Mauszeiger auf der benachbarten Oberfläche, landen auch Tastatureingaben bei diesem, ähnlich wie in einer Cinerama-Konfiguration (Abbildung 2).

Abbildung 2: Die beiden Bildschirme hängen an zwei verschiedenen Rechnern. Dank X2X oder Synergy lassen sich beide wie in einer Cinerama-Konfiguration mit nur einer Maus und Tastatur steuern.

X2X erzeugt ein unsichtbares Fenster von einem Pixel Breite am Rand des Bildschirms. Gerät der Cursor hinein, verschwindet er vom ersten X-Server und X2X überträgt die Maus- und Tastatureingaben an den zweiten. Das Programm muss nur auf einem Rechner laufen und per X11-Authentifikation Zugriff auf den zweiten haben.

Der einfachste Weg besteht darin, sich per SSH mit eingeschaltetem X11-Forwarding (»ssh -X«) einzuloggen und X2X mit dem Parameter »-from :0« aufzurufen. Ein zweiter Parameter gibt die Richtung an, in der der zweite Rechner steht: »-east« für rechts und »-west« für links. Alternativ erhält X2X die nötige Zugriffserlaubnis über X11-Authentifikation mit Xhost oder einem Magic Cookie.

Der Hauptnachteil von X2X ist, dass es auf beiden Rechnern einen X-Server voraussetzt. Darüber verfügen gewöhnlich jedoch nur Unix-Systeme wie Linux und die BSD-Varianten außer Mac OS. Letzteres lässt sich allerdings ebenso wie Windows mit einem X-Server nachrüsten, aber eine native Lösung erspart die Nachinstallation und beugt Geschwindigkeitseinbußen vor. Zwar gibt es eine VNC-Erweiterung für X2X, aber diese Variante setzt mit dem VNC-Server ebenfalls die Einrichtung eines dritten Programms voraus.

Mit Synergy [3], dessen Hauptentwickler Chris Schoenemann auch das Spiel BZ-Flag maßgeblich mitentwarf, existiert eine Alternative zu X2X, die außer unter Linux auch unter Windows und Mac OS arbeitet, bei Linux fällt der Unterschied im Betrieb kaum auf. Das Programm funktioniert nach dem Server-Client-Prinzip. Der Server »synergys« wartet auf eingehende Verbindungen von bis zu vier Clients, die der Benutzer am Server-Rechner mitsteuert, wenn er den Mauszeiger über einen der vier Bildschirmränder hinausbewegt.

Unter Linux und Mac OS liest »synergys« aus einer Konfigurationsdatei die Clients ein und die Information, über welchen Bildschirmrand (»right«, »left«, »top« oder »bottom«) der Benutzer sie ansteuert. Alternativ dienen nur die Ecken als Übergangspunkte. Windows-Nutzer erledigen die Konfiguration über ein grafisches Frontend.

Das Client-Programm »synergyc« benötigt lediglich die Angabe der Serveradresse. Es meldet sich in der Standardeinstellung unter dem Host-Namen des Rechners an, optional lässt sich der Login-Name aber beliebig umdefinieren. Wichtig ist, dass er in der Konfiguration des Synergy-Servers vorkommt.

Außer der plattformübergreifenden Verfügbarkeit bietet Synergy einen weiteren Vorteil gegenüber X2X: Tastenkombinationen lassen sich beliebig übersetzen, sodass auf Wunsch beispielsweise die Eingabe von [Strg]+[Alt]+[Pause] auf dem Client [Strg]+[Alt]+[Entf] auslöst.

Linux-Magazin kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • Wikia Search vor dem Start

    Wikia Search, eine Suchmaschine, deren Algorithmen frei verfügbar sind, war im vergangenen Jahr ein mit Spannung erwartetes Projekt. Das Warten soll nun am 7. Januar ein Ende haben.

  • Projekteküche

    Der Spiritus Rector der Wikipedia wirft ein neues Projekt ins Rennen: Wikisaria soll den großen Suchmaschinen mit einer Mischung aus breiter Community und finanzieller Rückendeckung Konkurrenz machen.

  • Projekteküche

    Im »Öffnen«-Dialog mühsam die im Dateimanager schon sichtbare Datei ansteuern - das war gestern. Application Launcher sorgen dafür, dass das richtige Programm startet. Gnome Do überbietet seinen Vorgänger Gnome Launch Box, was für die neue Suchmaschine Wikia Search noch nicht gilt.

  • Herbstkampagne: Wikipedia braucht Spenden

    Jimmy Wales, Gründer der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia, wendet sich mit einem Spendenaufruf an die Nutzer.

  • Jimmy Wales stoppt Wikia Search - auch MS Encarta schließt

    Die freie Suchmaschine Wikia Search macht kaum 14 Monate nach dem Start wieder dicht. Und auch Microsofts Online-Lexikon Encarta schließt die Pforten.

comments powered by Disqus

Ausgabe 11/2017

Digitale Ausgabe: Preis € 6,40
(inkl. 19% MwSt.)

Stellenmarkt

Artikelserien und interessante Workshops aus dem Magazin können Sie hier als Bundle erwerben.