Open Source im professionellen Einsatz

Die monatliche GNU-Kolumne

Brave GNU World

Diese Kolumne berichtet aus der Perspektive von GNU-Projekt und FSF über Projekte und aktuelle Geschehnisse im Umfeld freier Software und versucht die zugrunde liegende Philosophie zu vermitteln. Diese Ausgabe beschreibt Hindernisse, auf die freie Software trifft, und wie sie sich abbauen lassen.

Dies ist Nummer 87 der Brave GNU World: jeden Monat eine Kolumne, seit über sieben Jahren. Jede Ausgabe berichtet aus verschiedensten Blickwinkeln über freie Software. Dazu kommen fünfeinhalb Jahre Arbeit für die Free Software Foundation Europe (FSFFE, [1]). Da stellt sich das Gefühl ein, mittlerweile müssten alle Menschen wissen, was es mit freier Software auf sich hat, und freie Software sollte die Norm sein. Nun nehmen Anteil und Bedeutung dieser Software zwar zu, die Norm ist sie aber noch nicht. Dafür gibt es Gründe - und auch Strategien, dies zu ändern.

Vernünftige Wahl

Freie Software definiert sich durch vier fundamentale Freiheiten: unbegrenzte Nutzung zu jedem Zweck, Freiheit des Studiums, Freiheit der Veränderung und Freiheit der Weitergabe in originaler wie in veränderter Form. Sie bietet dem Individuum die gleiche Freiheit wie dem Unternehmen, befreit von Abhängigkeiten, erlaubt selbst bestimmtes Handeln, schützt die Privatsphäre und fördert Bildung und Demokratie. Freie Software schwächt Monopolbildung und bietet eine Grundlage für alle von der IT-Industrie abhängigen Branchen - laut Fraunhofer-Institut betrifft das in Deutschland 80 Prozent der Exporte. Die zentrale Frage ist aber: Wieso fordert nicht jeder vernünftig denkende Mensch lautstark freie Software für sich?

Zunächst sind nicht alle Menschen Experten in diesem Bereich - das ist auch nicht nötig. Aber es fällt auf, dass viele die Diskussion um freie Software als Fachdebatte in einem Expertenbereich betrachten, dem der Informationstechnologie. Das ist kurios in Anbetracht einer Zensur im Internet, die statt Panzern nur glückliche Familien zeigt (Abbildung 1), oder Computern, die schon beim Abspielen einer Musik-CD - ohne Wissen oder Zustimmung des Benutzers - die Plattenindustrie informieren.

Abbildung 1: Panzer (rechts) versus Touristen (links, Google China): Zensur schafft zwei politische Sichtweisen auf den Platz des Himmlischen Friedens.

Abbildung 1: Panzer (rechts) versus Touristen (links, Google China): Zensur schafft zwei politische Sichtweisen auf den Platz des Himmlischen Friedens.

Dabei ist nicht allein die Kenntnis des Unterschieds zwischen "frei" und "unfrei" ein Kriterium. Die Linie läuft auch durch das Lager derer, die freie Software entwickeln, einsetzen und propagieren. Die gesellschaftlichen Perspektiven von Software zu ignorieren - nichts anderes war die Grundlage des 1998 gemachten Vorschlags, zur besseren Vermarktung freie Software von nun an als "Open Source" zu bezeichnen. Eine solche technische Diskussion ist zwar grundsätzlich sinnvoll, verliert aber schnell an Kontext und Tiefe: Technologie erhält ihre Wertigkeit eben erst durch die Interaktion mit der Gesellschaft.

Unternehmensdynamik

Spätestens hier kommt dann auch die Unternehmensdynamik ins Spiel, denn eine solche Loslösung vom Kontext lässt sich manchmal in kurzfristige finanzielle Gewinne ummünzen. Unter dem Label "Open Source" firmiert daher fälschlicherweise auch einiges, was keine freie Software ist. Ein Beispiel ist die andauernde Debatte um "Open Source Java" und die Versuche des Unternehmens Sun Microsystems, ihr unfreies Java als freie Software zu verkaufen.

Fragen und
Anregungen

Für Ideen, Anregungen und Kommentare zur Brave GNU World steht die Adresse [column @brave-gnu-world.org]zur Verfügung. Die Homepage des GNU-Projekts findet sich unter [http://www.gnu.org]. Georgs Kolumne "Brave GNU World" steht online unter [http://brave-gnu-world.org] und die Initiative "We run GNU" betreibt eine Webseite unter: [http://www.gnu.org/brave-gnu-world /rungnu/rungnu.de.html]

Selbst Suse spielte in der Vergangenheit mit ihrer Yast-Installations- und Konfigurationssoftware diese Karte. Das Verwirrspiel um Yast hatte erst mit dem Kauf der Firma durch Novell ein Ende. Diese Liste ließe sich endlos weiter fortsetzen und müsste kaum ein bekanntes Unternehmen aussparen. Tendenziell scheinen es eher kleine und mittlere Unternehmen zu sein, die es ernst damit meinen, ihren Kunden die freie Verfügbarkeit einzuräumen. Obendrein entsteht beim näheren Hinsehen der Eindruck, dass diese Unternehmen eher von freier Software sprechen.

Mittel- bis langfristig ist die Mitnahme schneller Gewinne durch Irreführung unklug, denn sie schafft Misstrauen und schadet der eigenen Marktposition. Im Rahmen des oft gescholtenen Shareholder Value mag ein derartiges Verhalten aber durchaus gewünscht sein. Dass dieser Trend sich über Nacht umkehrt, ist wohl kaum zu erwarten. Daher sind Kunden gut beraten, sich eine gesunde Skepsis anzueignen und im Zweifelsfall eher auf dauerhafte Verbindungen mit kleineren Unternehmen auf Basis freier Software zu setzen.

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Ausgabe 07/2013

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