Das Open Source Jahrbuch 2006
Tux liest
Das "Open Source Jahrbuch" verzeichnet dieses Jahr prominente Namen in seinem Inhaltsverzeichnis. Trotz einiger Ausflüge in die Praxis bleibt es eindeutig ein akademischer Sammelband.
Das "Open Source Jahrbuch" verzeichnet dieses Jahr prominente Namen in seinem Inhaltsverzeichnis. Trotz einiger Ausflüge in die Praxis bleibt es eindeutig ein akademischer Sammelband.
Für die dritte "Open Source Jahrbuch"-Ausgabe konnte das Herausgeber-Team um Bernd Lutterbeck von der TU Berlin Autoren von internationaler Prominenz gewinnen. Dazu gehört Eben Moglen, Jurist und Chefsyndikus der Free Software Foundation (FSF). Er gibt in seinem Beitrag einen sehr vorsichtigen - und sehr kurz geratenen - Ausblick auf die Entwicklung der GPL-Version 3, deren Entwurf die FSF im Internet zur Diskussion bereitgestellt hat.
Der Copyright-Kritiker Lawrence Lessig setzt sich nachdrücklich für die Kulturtechnik des Remix ein und die 83-jährige Informatik-Koryphäe Joseph Weizenbaum warnt in einem Interview die Open-Source-Bewegung vor übertriebener Euphorie: "Die positiven Erfahrungen von Linux sind eben nicht uneingeschränkt zu verallgemeinern."
Mit Novell, Microsoft und Red Hat sind auch große Namen aus der Industrie in Beiträgen des Sammelbandes vertreten. Das ist einerseits berechtigt, um den Standpunkt der Software-Unternehmen zu dokumentieren, andererseits problematisch: Naturgemäß argumentieren Firmenvertreter als Anwälte ihrer jeweiligen Unternehmensstrategie.
Bill Hilf beispielsweise, der bei Microsoft ein Testlabor mit Linux-Systemen und Open-Source-Software leitet, legt dar, dass der Konzern die freie Konkurrenz ernst nimmt und eingehend untersucht. In seiner Abteilung authentifizieren sich Linux-Benutzer gegen einen Active-Directory-Server. Interessanterweise gelingt es Hilf, diese Integration als Leistung des Microsoft-Produkts zu präsentieren - dass sie nur dank interoperabler Open-Source-Software auf der Gegenseite gelingt, erwähnt er mit keinem Wort.
Werner Knoblich, Vizechef Europa bei Red Hat, ergreift die Gelegenheit, um zu zeigen, dass seine Firma im Umgang mit der Community alles richtig macht und zugleich die Bedürfnisse seiner Enterprise-Kunden bestens befriedigt. Ein Artikel aus dem Hause Gartner über die Kosten von Linux-Desktop-Migrationen zeigt, dass die Unternehmensberatung aus einer gänzlich anderen Kultur stammt als die Open-Source-Welt: Der Beitrag steht als einziger im Band unter proprietärem Copyright, zudem zitiert der Autor Michael Silver ausschließlich seine eigenen Gartner-Papiere.
Einen angenehmen Kontrast dazu bilden Beiträge wie der von Markus Pasche und Sebastian von Engelhardt. Die Wirtschaftswissenschaftler weisen darauf hin, dass die oft beklagten Migrationskosten nicht durch Open-Source-Software selbst entstehen, sondern durch den Umstieg. Der Einsatz neuer Technologie entwerte bisher aufgebautes Know-how - nach Meinung der Autoren könnten Unternehmen das ebenso gut als Folgekosten der bisherigen proprietären Lösung veranschlagen.
Beiträge über Creative-Comons-Lizenzen, über Wikipedia und das freie wissenschaftliche Publizieren jenseits der Fachverlage (Open Access) setzen den Ansatz des vorigen Jahrbuchs fort, den Begriff Open Source auf frei verfügbares Wissen auszudehnen.
Das Kapitel "Grenzenlos" erweitert das Spektrum um globale entwicklungspolitische Perspektiven. Die Kulturwissenschaftlerin Meike Richter untersucht, warum Brasilien trotz der oft gepriesenen Vorteile freier Software mit seiner Pro-Linux-Politik alleine steht. Alastair Otter, Herausgeber der afrikanischen Open-Source-Zeitschrift "Tectonic", berichtet von lokalem Erfolg: Die Stiftung Translate.org.za hat Open Office in alle elf Amtssprachen Südafrikas übersetzt.
Alle Rezensionen aus dem Linux-Magazin
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