Die im Januar 2006 veröffentlichte Zusatzauswertung der OECD-PISA-Studie [1] widerlegt das Vorurteil, der Computer mache dumm: Der Studie zufolge verhilft der Zugang zu einem PC sogar zu besseren Schulleistungen. Dass Schüler insbesondere in naturwissenschaftlichen Fächern vom PC profitieren, erscheint leicht nachvollziehbar.
Irritierend ist indes ein anderer Aspekt der Studie: Betrachtet man, wie viele Schüler sich einen schuleigenen PC-Arbeitsplatz teilen müssen, dann rangiert Deutschland auf Platz 27 von 40, unmittelbar hinter Ländern wie Tschechien, Irland, Mexiko, Griechenland und Spanien ([2], Seite 2). Abbildung 1 visualisiert diese Tatsache auch im Vergleich zur vorletzten PISA-Untersuchung.
Abbildung 1: Prozentualer Anteil der Schüler, die Zugriff auf einen Computer haben, getrennt nach Land sowie zu Hause/Schule. Quelle: OECD, PISA 2000 und 2003.
Auch wenn Deutschland bei der PC-Verbreitung in Privathaushalten einen der vorderen Plätze belegt: Bei der schulischen Vermittlung einer grundlegenden Kulturtechnik, wie es der Umgang mit dem Computer ist, liegt Deutschland schon deshalb weit zurück, weil es an ausreichend Schul-PCs mangelt.
Die Lösung liegt nicht allein darin, mehr Geld für die Beschaffung von PCs und die Kosten spezieller PC-Arbeitsräume zur Verfügung zu stellen - die viel zitierte Mittelknappheit ist weniger das Problem. Abhilfe wäre möglich, wenn jede Schule für die Netzanbindung und die Content-Infrastruktur sorgte, während die Eltern für die Beschaffung von Notebook-Computern für ihre Sprösslinge verantwortlich wären.
Mit Notebooks würden PC-Räumeüberflüssig
Auf Seiten der Schule fielen damit die Kosten für dedizierte PC-Räume und die PC-Arbeitsplätze weg. (Die PC-Kosten errechnen sich nicht aus der Hardware und Software allein, denn die der Systemadministration kommen noch hinzu.) Die Schulen müssten im Gegenzug für Wireless Hotspots auf dem Gelände sorgen und deren Anbindung ans Internet. Zusätzlich wäre der Betrieb eines Intranets, das ausreichend ausbildungsspezifischen Content zur Verfügung stellt, eine Sache der Schule.
Der ökonomische Gesichtspunkt legt es nahe, die Content-Bereitstellung schulübergreifend zu regeln: Nicht jede Schule braucht das Rad neu zu erfinden. Auch beim Betrieb der IT-Infrastruktur ist maßvolle Zentralisierung - zumindest auf regionaler Ebene - unter TCO-Gesichtspunkten dringend geboten.
Medienkompetenz tut Not
Ein schönes Schul-WLAN als technische Infrastruktur hilft wenig, wenn nicht im Schulnetz adäquate Inhalte zur Nutzung für die Schüler bereitstehen - die eigentliche Herkules-Aufgabe. Der Unterricht muss Medienkompetenz vermitteln, also die Fähigkeit, gezielt Content im Web aufzuspüren - wie später im wirklichen Leben mit Google & Co.
Vor allem aber müssen Schüler lernen, die Fundstücke einzuordnen und hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit realistisch zu bewerten. Dies gilt ganz besonders, seit faktisch jeder im Web publizieren kann und selbst Redaktionen renommierter Publikationen online vermehrt mit heißer Nadel stricken. Als harmloses Beispiel seien Berichte über "Silikon-Chips" genannt, die in der Publikumspresse nicht auszurotten sind.
Ein Blick ins Wörterbuch würde reichen, den kleinen Unterschied zwischen Silizium (englisch: Silicon) und Silikon (Silicone) aufzuklären. Die Eselsbrücke: Silizium steht für Infineon und Intel, Silikon für Dolly Buster, deren Busen jedoch keine Rechenleistung zu erbringen braucht. Wer seine Bildung unkritisch aus dem Netz bezieht, erzählt später wirre Dinge.
Der Aufbau von technischer wie von Content-Infrastruktur an Schulen setzt neben Geld Engagement bei den Beteiligten voraus. In puncto Technik sind Lehrer der naturwissenschaftlichen Fächer gefordert. Die Vermittlung der Facetten von Medienkompetenz sollten Philologen mitgestalten dürften - wenn sie denn wollen.
Der Autor dieses Kommentars hat in Gesprächen mit Lehrern oft das Argument gehört, dass die Schuld beim Staat liege, da er keine Lehrerfortbildungen für diesen Bereich anböte. Die in der Wirtschaft und an Hochschulen gut ausgeprägte Bereitschaft, sich thematisch nahe Wissensfelder autodidaktisch anzueignen, liegt manchem Lehrer offenbar fern. Es drängt sich die Frage auf, wie denn ausgerechnet diese Pädagogen ihren Schülern das Prinzip des lebenslangen Lernens vermitteln wollen.