Fosdem 2006 in Brüssel
Entwickler-Campus
Unkommerziell, unkompliziert und seit Jahren ein fester Termin im Open-Source-Kalender: Auf dem Campus der Freien Universität Brüssel trafen sich 3500 Entwickler zur Fosdem 2006.
Unkommerziell, unkompliziert und seit Jahren ein fester Termin im Open-Source-Kalender: Auf dem Campus der Freien Universität Brüssel trafen sich 3500 Entwickler zur Fosdem 2006.
Abbildung 1: Es wird Abend auf dem Brüsseler Solbosch-Campus. Hinter den Mauern der Universitätsgebäude drängen sich die Fosdem-Besucher noch immer um die Rechner.
Raphael Bauduin strahlt: Was er im Jahr 2000 als Treffen für freie Software an der Université Libre de Bruxelles (ULB) ins Leben gerufen hatte, ging erfolgreich ins sechste Jahr: Auf dem Free and Opensource Software Developers\' European Meeting (Fosdem) am 25. und 26. Februar 2006 drängten sich rund 3500 Teilnehmer in den engen Gängen der Universitätsgebäude.
Die Keynote von FSF-Präsident Richard Stallman im großen Hörsaal ist dabei genauso Tradition wie das Warmtrinken im Biertempel Le Roy d\'Espagne am Vorabend. Dieses Jahr unternahm der Pate der freien Software wieder eine Attacke gegen Softwarepatente, die er als "Bedrohung für alle, die freie Software entwickeln oder benutzen" bezeichnete. Leider seien für die meisten Entwickler weder Ausweichen noch Lizenzieren praktikable Strategien im Umgang mit dem Problem. Gegen Patentansprüche vor Gericht gehen können sich nur die wenigsten leisten.
Daher rief Stallman die Europäer dazu auf, Patente auf Software vor allem politisch zu bekämpfen - der nächste Vorstoß der Patent-Lobby in der europäischen Gesetzgebung stehe bereits vor der Tür, warnte er. Anschließend stellte er die wichtigsten Neuerungen in Version 3 der GPL vor und ermunterte die Zuhörer ihre Kommentare zum aktuellen Lizenzentwurf unter [http://gplv3.fsf.org] einzubringen. Im Juli soll der Entwurfsprozess in die nächste Runde gehen.
Das Herz der Fosdem bildeten aber auch dieses Jahr nicht die Vorträge in einigen großen Hörsälen, sondern die Diskussionen in den 16 Developer Rooms. An einem einzigen Wochenende fanden auf diese Weise 150 Sitzungen statt. Die Spannbreite reichte von X.org und den freien Java-Bibliotheken GNU-Classpath über Linux auf dem Laptop bis zum Einsatz des Ada-Compilers aus der GCC für Mission-Critical-Anwendungen in der Flugsicherung. Videos und Folien der Vorträge stehen bei [http://www.fosdem.org/2006] für den Download bereit.
Dank der Öffnung seiner Linux-Distribution als Open Suse konnte selbst der Novell-Konzern bei den freien Projekten mitmischen: Produktmanager Michael Löffler (Abbildung 2) und Christoph Thiel gaben einen Ausblick auf Suse Linux 10.1, das Open Office 2.0, den 3D-Grafikserver XGL und die Desktop-Suchmaschine Beagle mitbringen soll.
Abbildung 2: Michael Löffler gab einen Ausblick auf kommende Suse-Linux-Versionen und holte Feedback ein.
Abbildung 3: Fosdem-Organisator Raphael Bauduin verlost zwei Nokia-770-Handhelds unter den Spendern.
Daneben holten sie die Meinung der Community zu den Plänen für Version 10.2 ein: Unter anderem planen sie eine Standardinstallation mit reduziertem Paketumfang, die auf drei CDs passt. Einige Diskussionsteilnehmer wiesen darauf hin, dass dies Unterstützung für weniger Sprachen bedeuten wird - vor allem asiatische Sprachpakete sind auf diesem Platz nicht unterzubringen.
Die Debian-Fraktion war stark vertreten, das zeigten nicht nur die überall präsenten T-Shirts mit Debian-Logo, sondern auch ein Developer-Room, der aus allen Nähten platzte. Frans Pop stellte dort den grafischen Debian-Installer für Etch vor. Nach längerer Entwicklungszeit soll die Betaversion nun rundlaufen. Am Stand des Projekts arbeitete sie rund um die Uhr und führte automatische Installationen in vielen Sprachen durch (Abbildung 4).
Abbildung 4: Vollautomatische Installationen rund um die Uhr: Das Debian-Projekt demonstrierte an seinem Stand den neuen Installer.
Auch wenn Konzerne mittlerweile in vielen Open-Source-Projekten mitmischen: Auf der Fosdem waren weder Anzüge noch aufwändige Messestände zu sehen. Das Treffen finanziert sich durch einige wenige Sponsoren - und durch Spenden der Teilnehmer. Unter den Spendern wurden Sachpreise verlost, darunter 20 Jahresabos für das englischsprachige "Linux Magazine" und zwei Internet-Tablets Nokia 770. Maemo, die Entwicklungsumgebung für diese Handheld-Systeme, war eins der Themen im Gnome Developer Room.
Raphael Bauduin blickt zuversichtlich ins Jahr 2007: Das Kernteam der Organisatoren hat sich von drei auf zehn vergrößert - die Zukunft ist gesichert.
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