Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 02/2006
© photocase.com

© photocase.com

Linux und freie Software im Schulalltag

Lehrmittel-Freiheit

Die Open-Source-Welt bietet Programme und Linux-Distributionen für Lehrer und Schüler. Doch wie kommt das Angebot in der Praxis an? Das Linux-Magazin hat in Erding, Potsdam und Kiel die Schulbank gedrückt.

957

Rund 50 Sekunden nach dem Einschalten des Rechners sieht der Schüler den KDE-Desktop - die Unterrichtsstunde kann beginnen. Die Herzog-Tassilo-Realschule in Erding nordöstlich von München betreibt seit September 2005 zwei Rechnerräume mit insgesamt 47 Arbeitsplätzen unter Linux.

Mittlerweile läuft das System stabil, doch die ersten zwei Monate waren schwer. "Am Anfang haben wir uns echt geärgert, dass das so ein Mist ist", erzählt Gertraud Pastl, altgediente Lehrerin für Stenografie und Maschinenschreiben, die nach dem neuen Lehrplan auch Informationstechnologie (IT) unterrichtet, "aber dank Herrn Hehnen haben wir es hingekriegt." Daniel Hehnen ist Lehrer für Mathematik, Physik und IT und betreut daneben die Computerräume. "Anfangs habe ich am Wochenende an der Anlage gefummelt und am Montag waren die zwei Räume ohne Betrieb", sagt er rückblickend und lobt das Lehrerkollegium für seine Toleranz.

Mittlerweile kann der groß gewachsene junge Mann Erfolge vorweisen: Eine Kollegin aus den Fächern Deutsch und Geschichte kam ohne jegliche Einweisung mit dem Linux-Raum zurecht. Die Klasse war bereits mit den Arbeitsplätzen vertraut, fuhr die Rechner hoch und führte eine Internetrecherche durch. "Alles ging problemlos und sie war hochzufrieden."

Die staatliche Realschule kam zu Linux, weil sie nach einer Möglichkeit suchte, die Hardware der alten Windows-98-Rechner weiterhin zu nutzen. Für ein Update auf Windows 2000 waren die Geräte nicht leistungsfähig genug. So entstand die Idee, die alten Rechner als Terminal-Clients einzusetzen.

Daneben richtete die Schule einen neuen Computerraum ein und plante dafür zunächst Thin-Clients. Die Empfehlung, für die Terminalserver-Lösung die Debian-basierte Linux-Distribution Skolelinux [1] einzusetzen, kam vom lokalen Dienstleister Öcom Computer [2]. Statt Thin-Clients setzte die Schule im neuen Raum aber doch Standard-PCs ein, um bei Bedarf lokale Installationen vornehmen zu können. Genau das wird nun mit den beiden Arbeitsplatzrechnern für die Lehrkräfte geschehen, damit sie Sound und Wechselmedien wie USB-Sticks und CD-ROMs nutzen können.

Daniel Hehnen betreut an der Schule über 100 Rechner und erhält dafür vier Wochenstunden Ermäßigung. "Das reicht nicht, aber es ist ja auch mein Hobby", erzählt der engagierte Lehrer. Mit Linux hatte er vorher noch kaum zu tun. Auf der Akademie für Lehrerfortbildung im schwäbischen Dillingen besuchte er eine einwöchige Linux-Schulung, ansonsten findet er das Weiterbildungsangebot zum Thema freie Software "eher beschämend". Beigeistert äußert er sich dagegen über die hilfsbereiten Mitglieder der Mailingliste [ user@skolelinux.de ]: "Erst gestern Vormittag habe ich eine Frage geschrieben - als ich zu Hause ankam, war schon die Antwort da."

Die Clients der beiden Linux-Räume werden per Glasfaser von einem einzigen Rackserver versorgt, der in einer Kammer neben der Schülerbibliothek untergebracht ist. Lediglich bei hoher Anmeldelast kommt er ein wenig in Schwierigkeiten, daher melden sich die Schüler auf Zuruf der Lehrkraft Bankreihe für Bankreihe an.

Unauffällig

"Wenn man ehrlich ist, bekommen die Schüler vom Betriebssystem aber gar nichts mit. Wichtig sind die Office-Anwendungen, da sehen die Schüler in der Regel keinen Unterschied und können ihr Wissen übertragen", schildert Lehrer Hehnen die Realität des Schulalltags. Ein Vorteil sei aber, dass Lehrer und Schüler Open Office und - dank eines Abkommens des Bundeslands mit Sun - Star Office auch zu Hause kostenlos und legal einsetzen können. Nicht jeder Heimanwender mit Windows besitze schließlich auch eine Word-Lizenz.

Gertraud Pastl dagegen weist darauf hin, dass der Teufel im Detail steckt: Mit Aufzählungszeichen und Serienbriefen haben die Schüler Schwierigkeiten, zumindest mit der an der Schule eingesetzten Version 1.0.2 von Open Office.

Der Ehrenamtliche

Um Textformatierung in Office-Programmen geht es auch in der Klasse 4b bei Friedemann Labsch an der Max-Dortu-Grundschule in Potsdam. Hier ist zwar Open-Source-Software wie Mozilla Firefox und Open Office im Einsatz, das Betriebssystem der Schüler-Arbeitsplätze ist aber Windows. Lediglich ein Rechner in der Ecke des Raums, der als Domain- Controller sowie File-, Print- und Proxyserver dient, läuft unter Suse Linux. Hier sitzt Dirk Hebenstreit und ist mit der wöchentlichen Wartung des Systems beschäftigt. Er ist von Beruf IT-Trainer bei der Bundesfinanzverwaltung, in seiner Freizeit kümmert er sich ehrenamtlich um die Computer der Schule.

1999 gründete er mit Gleichgesinnten das Projekt "Pingos - Linux-User helfen Schulen" [3], das mittlerweile als gemeinnütziger Verein anerkannt ist. Er investiert mindestens drei Stunden wöchentlich für die Schule. Nach seiner Erfahrung sind die Lehrer häufig mit der Technik überfordert. Sie haben keine Zeit, um Basiswissen zu erwerben, fühlen sich unsicher und müssen doch die Vorgaben der Lehrpläne zur Arbeit mit dem Computer erfüllen. Hier springt Hebenstreit ein: "Wenn der Staat das nicht leisten kann, ist es mir lieber, ein Verein macht das, als dass Firmen in die Schule kommen", sagt er.

Seine Arbeit in der Max-Dortu-Schule begann, als ihm eine Nachbarin erzählte, die Schule habe von einer Versicherung gebrauchte Computer geschenkt bekommen und wisse nichts damit anzufangen. Er wurde mit offenen Armen empfangen: "Die Chemie stimmte von Anfang an", erinnert er sich. Die alte Hardware bekam er aber nur mit einer selbst gebastelten Linux-Lösung zum Laufen.

Hebenstreit spart auch nicht mit Kritik: Seiner Meinung nach entsorgen manchen Firmen gebrauchte Geräte an Schulen. Auch werde nicht nachhaltig gedacht: "Hardware wird publikumsträchtig gespendet, aber später gibt\'s keine neuen Mäuse und die Lehrer müssen ihr Druckerpapier selbst mitbringen." Seine Arbeit an den Linux-Rechnern begann er mit einer Arbeitsgruppe älterer Schüler am Nachmittag, mit der er Internetrecherchen und die Vorbereitung von Referaten durchführte.

Abbildung 1: Unterricht mit Skolelinux. Diese achte Klasse aus Erding startet Open Office vom Terminalserver.

Linux-Magazin kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

comments powered by Disqus